|
|
||
Stolpersteine erinnern an die Nazi-OpferGunter Demnigs Tafeln werden vor den Häusern von Deportierten ins Pflaster eingelassen. Mit Hilfe von Realschülern will der Künstler Gunter Demnig auch in Euskirchen seine "Stolperstein"-Aktion fortsetzen. VON JOHANNES BÜHL Euskirchen - Gunter Demnig inszeniert seine Kunst häufig im öffentlichen Raum. Und er provoziert gerne. Während des Vietnam-Kriegs ersetzte er die Sterne der US-Flagge durch Totenköpfe. Weil der verfremdete Sternenbanner gut sichtbar im Schaufenster von Demnigs Berliner Ateliers hing, gab es Ärger. Die Polizei kreuzte auf und nahm Demnig in Gewahrsam. Sein Rechtsanwalt hieß damals Otto Schily. Nach seinem Kunst-Studium wurde der gebürtige Berliner 1980 Assistent an der Kunstakademie Kassel. Von der Stadt, die Schauplatz der "Documenta" ist, zog er Verbindungslinien zu anderen Kunsthochburgen. Er ging beispielsweise zu Fuß nach Paris und Venedig und legte dabei Spuren, mal mit Farbe, mal mit Blut. Demnig, 1947 geboren, arbeitet "Das war die Generalprobe für die Deportation der Juden, die ein Jahr später ins Rollen kam", sagte der Künstler, als er seine Arbeit jetzt in der Euskirchener Willi-Graf-Schule vorstellte. Demnig war, auf Einladung der Lehrerin Dorothee Kroll, eine Doppelstunde lang in einem Sozialwissenschaftskursus der Klasse 9 zu Gast. Er erzählte den Realschülerinnen und -schülern, wie er auf insgesamt 20 Kilometern mit Farbe die Wege markierte, auf denen die Nazis die Sinti und Roma zum Bahnhof transportierten. Als die Farbe verblasste, ersetzte er sie an ausgewählten Stellen durch Messing-Schriftzüge, die an das Schicksal der Ver¦schleppten erinnern. Während eines Gesprächs mit einer Passantin in der Kölner Südstadt, die auf seine Aktion aufmerksam geworden war, wurde Demnig eines klar: "Viele Leute wissen gar nicht, dass in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft früher Zigeuner, Juden oder andere Nazi-Opfer lebten." So reifte in ihm die Idee für das Großprojekt "Stolpersteine" heran. "Ausgangspunkt einer jeden Deportation war ja immer die Wohnung der Verschleppten", sagte der Künstler. Er begann zu rekonstruieren, wo die Opfer gelebt hatten, bis die Nazis sie in Vernichtungslager brachten. Demnig sprach zu diesem Zweck mit Überlebenden und Angehörigen von Ermordeten ebenso wie mit Historikern. Die Erinnerung an das Leiden der Verfolgten hält er durch besagte Stolpersteine wach. Die Betonquader tragen an der Oberseite eine zehn mal zehn Zentimeter große Messingtafel, die fachmännisch im Stein verankert wird. In das Metall stanzt Demnig unter der Überschrift "Hier wohnte" Daten der Betroffenen ein: Name, Geburtsdatum und, falls bekannt, das Deportationsziel. Die Steine lässt der Künstler vor den Häusern der Verschleppten plan in den Gehweg ein. Bis er dafür in Köln von der Stadt die Genehmigung erhielt, vergingen drei Jahre. Mittlerweile hat er in der Domstadt fast 1200 Steine verlegt, in Berlin sind es 250. Auch in Leverkusen hat er begonnen, die individuellen Erinnerungsmale zu platzieren. Mit anderen Städten verhandelt er, darunter Amsterdam, Mailand und Antwerpen, Hamburg, Bonn und Halle. Möglicherweise wird Demnig demnächst auch in Euskirchen aktiv. Dies ist jedenfalls das Ziel, das Dorothee Kroll verfolgt. Die Lehrerin behandelt die "Stolpersteine" mit ihren Schülern im Rahmen eines Projekts: "Wir wollen in Archive gehen und versuchen, das Schicksal von Deportierten zu rekonstruieren." Dabei handelt es sich, so Demnig, nicht nur um Juden, Sinti und Roma, sondern auch um politisch und religiös Verfolgte, Homosexuelle und Euthanasie-Opfer. Der Wahlkölner arbeitet regelmäßig
mit Schülern zusammen. Sie übernehmen häufig die
Recherche und versuchen, Paten für die Finanzierung der Steine
zu gewinnen. "Gedenkstätten und Mahnmale sind zwar wichtig",
sagt der Künstler. "Mir ist es aber genauso wichtig, dass
das Schicksal eines jeden Einzelnen nicht in Vergessenheit gerät.
Man soll sich an die Deportierten vor allem dort erinnern, wo sie
gelebt haben." Die Steine helfen dabei: Passanten sollen im
übertragenen Sinne über sie stolpern, also aufmerksam
werden. Dass Fußgänger über die Messingplatten laufen,
ist durchaus erwünscht. Demnig: "Dadurch wird die Erinnerung
an die Opfer gewissermaßen aufpoliert." Auch schroffe Ablehnung VON EJB, 18.01.2002 |