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Artikel im Kölner Stadtanzeiger vom 18.01.2002

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Stolpersteine
Ausgerüstet mit allerhand Werkzeug und Maschinen, lässt der Künstler seine "Stolpersteine" in den Gehweg ein. Bild: Alfred Koch

Frau Kroll mit 9sw

Dorothee Kroll hatte Gunter Demnig in den Sozialwissenschaftsunterricht an der Willi-Graf-Schule eingeladen. Die Realschüler hörten dem Gast eine Doppelstunde lang interessiert zu.
BILDER: JOHANNES BÜHL  

Stolpersteine erinnern an die Nazi-Opfer

Gunter Demnigs Tafeln werden vor den Häusern von Deportierten ins Pflaster eingelassen.

Mit Hilfe von Realschülern will der Künstler Gunter Demnig auch in Euskirchen seine "Stolperstein"-Aktion fortsetzen.

VON JOHANNES BÜHL

Euskirchen - Gunter Demnig inszeniert seine Kunst häufig im öffentlichen Raum. Und er provoziert gerne. Während des Vietnam-Kriegs ersetzte er die Sterne der US-Flagge durch Totenköpfe. Weil der verfremdete Sternenbanner gut sichtbar im Schaufenster von Demnigs Berliner Ateliers hing, gab es Ärger.

Die Polizei kreuzte auf und nahm Demnig in Gewahrsam. Sein Rechtsanwalt hieß damals Otto Schily. Nach seinem Kunst-Studium wurde der gebürtige Berliner 1980 Assistent an der Kunstakademie Kassel. Von der Stadt, die Schauplatz der "Documenta" ist, zog er Verbindungslinien zu anderen Kunsthochburgen. Er ging beispielsweise zu Fuß nach Paris und Venedig und legte dabei Spuren, mal mit Farbe, mal mit Blut.

Demnig, 1947 geboren, arbeitet Gunter Demnigeigentlich als Bildhauer. Doch in seinen Projekten stehen immer wieder Spuren im Mittelpunkt - Spuren, die es einerseits zu legen, andererseits erst einmal zu entdecken gilt. Nachdem er 1985 nach Köln gezogen war, begann Demnig beispielsweise, das Schicksal der rund 1000 Sinti und Roma nachzuzeichnen, die die Nationalsozialisten an einem einzigen Tag im Mai 1940 aus der Stadt am Rhein deportierten.

"Das war die Generalprobe für die Deportation der Juden, die ein Jahr später ins Rollen kam", sagte der Künstler, als er seine Arbeit jetzt in der Euskirchener Willi-Graf-Schule vorstellte. Demnig war, auf Einladung der Lehrerin Dorothee Kroll, eine Doppelstunde lang in einem Sozialwissenschaftskursus der Klasse 9 zu Gast.

Er erzählte den Realschülerinnen und -schülern, wie er auf insgesamt 20 Kilometern mit Farbe die Wege markierte, auf denen die Nazis die Sinti und Roma zum Bahnhof transportierten. Als die Farbe verblasste, ersetzte er sie an ausgewählten Stellen durch Messing-Schriftzüge, die an das Schicksal der Ver¦schleppten erinnern.

Während eines Gesprächs mit einer Passantin in der Kölner Südstadt, die auf seine Aktion aufmerksam geworden war, wurde Demnig eines klar: "Viele Leute wissen gar nicht, dass in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft früher Zigeuner, Juden oder andere Nazi-Opfer lebten." So reifte in ihm die Idee für das Großprojekt "Stolpersteine" heran.

"Ausgangspunkt einer jeden Deportation war ja immer die Wohnung der Verschleppten", sagte der Künstler. Er begann zu rekonstruieren, wo die Opfer gelebt hatten, bis die Nazis sie in Vernichtungslager brachten. Demnig sprach zu diesem Zweck mit Überlebenden und Angehörigen von Ermordeten ebenso wie mit Historikern.

Die Erinnerung an das Leiden der Verfolgten hält er durch besagte Stolpersteine wach. Die Betonquader tragen an der Oberseite eine zehn mal zehn Zentimeter große Messingtafel, die fachmännisch im Stein verankert wird. In das Metall stanzt Demnig unter der Überschrift "Hier wohnte" Daten der Betroffenen ein: Name, Geburtsdatum und, falls bekannt, das Deportationsziel.

Die Steine lässt der Künstler vor den Häusern der Verschleppten plan in den Gehweg ein. Bis er dafür in Köln von der Stadt die Genehmigung erhielt, vergingen drei Jahre. Mittlerweile hat er in der Domstadt fast 1200 Steine verlegt, in Berlin sind es 250. Auch in Leverkusen hat er begonnen, die individuellen Erinnerungsmale zu platzieren. Mit anderen Städten verhandelt er, darunter Amsterdam, Mailand und Antwerpen, Hamburg, Bonn und Halle.

Möglicherweise wird Demnig demnächst auch in Euskirchen aktiv. Dies ist jedenfalls das Ziel, das Dorothee Kroll verfolgt. Die Lehrerin behandelt die "Stolpersteine" mit ihren Schülern im Rahmen eines Projekts: "Wir wollen in Archive gehen und versuchen, das Schicksal von Deportierten zu rekonstruieren." Dabei handelt es sich, so Demnig, nicht nur um Juden, Sinti und Roma, sondern auch um politisch und religiös Verfolgte, Homosexuelle und Euthanasie-Opfer.

Der Wahlkölner arbeitet regelmäßig mit Schülern zusammen. Sie übernehmen häufig die Recherche und versuchen, Paten für die Finanzierung der Steine zu gewinnen. "Gedenkstätten und Mahnmale sind zwar wichtig", sagt der Künstler. "Mir ist es aber genauso wichtig, dass das Schicksal eines jeden Einzelnen nicht in Vergessenheit gerät. Man soll sich an die Deportierten vor allem dort erinnern, wo sie gelebt haben." Die Steine helfen dabei: Passanten sollen im übertragenen Sinne über sie stolpern, also aufmerksam werden. Dass Fußgänger über die Messingplatten laufen, ist durchaus erwünscht. Demnig: "Dadurch wird die Erinnerung an die Opfer gewissermaßen aufpoliert."


Auch schroffe Ablehnung 

 VON EJB, 18.01.2002
 
"98 Prozent der Menschen reagieren positiv, wenn ich Stolpersteine verlege", sagt Gunter Demnig. Andererseits begegnen manche ihm mit schroffer Ablehnung. Hauseigentümer wehren sich gegen einen Gedenkstein vor ihrem Grundstück. Sie wollen nicht in den Verdacht geraten, dass sie oder ihre Vorfahren das betroffene Haus vielleicht nur deshalb besitzen, weil zuvor die darin lebenden Juden vertrieben wurden. Demnig: "Bei anderen ist das tatsächlich so. Sie sind gegen das Projekt, weil sie ein schlechtes Gewissen haben. Wieder andere wollen nicht an die NS-Zeit erinnert werden."
Egal, wo er Stolpersteine einbetoniert - vor Ort ist Demnig auf Unterstützung angewiesen. "Besonders gut gefällt mir an dem Projekt der Publikumskontakt ", erzählt er. "Häufig beginnen die Leute, die mir bei der Arbeit zusehen, kontrovers zu diskutieren. Manchmal kommt dabei heraus, dass die ganze Straße zugeguckt hat, wenn die Nazis wieder jemanden zu Hause abholten. Die Behauptung, man habe von den Deportationen nichts gewusst, wird dadurch als Lüge entlarvt." (ejb)

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