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Vor 45 Jahren wurde Willi Graf hingerichtet |
"Aber trotzdem nehme ich es auf mich"
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Aus Aufzeichnungen und Briefen |
| Angelegenheit wird 12. Oktober, 17 Uhr, erledigt,
telegrafiert der Oberstaataanwalt aus München am 6. Oktober 1943 an
den Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof in Berlin. Und sechs Tage später
die Vollzugsmeldung: Angelegenheit heute ohne Zwischenfall erledigt. Die
"Angelegenhei", das ist die Hinrichtung des 25jährigen
Sanitätsfeldwebels und Medizinstudenten Willi Graf aus Saarbrücken
im Strafgefängnis München-Stadelheim. Verurteilt wegen Hochverrats,
Feindbegünstigung und Zersetzung der Wehrkraft. Tod durch das Fallbeil,
heute vor 45 Jahren.
Dokumentiert ist das Leben und Sterben dieses jungen Katholiken aus der
studentischen Widerstandsgruppe der .Weißen Rose« in dem Band
"Willi Graf Briefe und Aufzeichnungen", herausgegeben von Anneliese Knoop-Graf,
der jüngeren Schwester des Hingerichteten, und von Inge Jens, mit einem
einleitenden Essay von Walter Jens (S. Fischer Verlag, München, 348
S., 39.80 DM).
Die Tagebuch-Aufzeichnungen reichen vom 13. Juni 1942 bis 15. Februar 1943;
wenig später wurden Graf und seine Freunde verhaftet Die Briefe setzen
mit

WILLI GRAF: 1941 (aus dem Band des Fischer-Verlages) |
Oder:".. Am Abend bei Adalbert, zum Geburtstag. Das Gespräch ist
sehr ergiebig fast grundsätzlich. Bei ihm das Moment, ob man es verantworten
könne, solange nicht ganz klar sei, was später komme ..." (5. 12.
1942)
"Es": Hinter den zwei Buchstaben verbirgt sich die Aktion, die Herstellung
und Vertreibung von Flugblättern.
Mitte Januar sind die Zweifel ausgeräumt:".. Wir beginnen wirklich mit
der Arbeit der Stein kommt ins Rollen..
(13. 1. 1943). Und einen Tag später:"...Viel Zeit geht damit vorbei,
daß ich mich mit dem Plan beschäftige. Ob das der richtige Weg
ist? Manchmal glaube ich es sicher, manchmal zweifle ich daran. Aber trotzdem
nehme ich es auf mich, wenn es auch noch so beschwerlich ist."
Das in der Sowjetunion Notierte zeigt viel deutlicher, was für ein Mensch
dieser Willi Graf war; einer, der sich den Blick von der
"Untermenschen"-Propaganda jener Zeit nicht verstellen ließ: ".. Am
Abend setzen wir uns zu den Russen in ihre Baracke und hören die Lieder
ihrer Heimat. Ihre Gesichter entspannen sich, und der Blick ist wie verloren
nach der Weite. Da singt einer vor, und der Chor der anderen fällt mit
ein, es ist ungeheuer ...- (4.10.1942)
An die Schwester Anneliese schreibt Willi Graf am 1. Februar 1942 aus
Rußland: "...Seit meinem letzten Brief an Dich hat sich manches Bewegte
zugetragen, ich wünschte, ich hätte das nicht sehen müssen,
was ich alles in dieser Zeit mit anschauen mußte ... " |
| dem 21. Mai 1941 ein, sind Feldpostbriefe, geschrieben in Polen und
Rußland oder in München während der Studienurlaube. Die letzten
kommen aus dem Gefängnis. Der unvorbereitete Leser, dem die Namen, die
zur "Weißen Rose" gehören, nicht gegenwärtig sind, der den
Jensschen Essay und die Vorbemerkungen von Anneliese Knoop-Graf
überschlägt, könnte in den Tagebuch-Notizen von meist- lapidarer
Kürze gewiß nicht die Handschrift eines Verschwörers entdecken:
"Gespräch mit Hans Scholl. Hoffentlich komme ich öfter mit ihm
zusammen..."(13. 6. 1942) "Ich erwarte am Abend Hans Scholl. Doch er bleibt
aus, es ist schade. Rasch gehe ich zu Hannes, sitze eine Stunde bei seiner
Frau. Der Tag begann mit der Anregung des Besuches, zerbrach aber nun an
dem Ausbleiben von Hans. Immer bin ich allein, ganz allein..." (19. 6. 1942)
Kein Wort, was dem Schreiber dieser Hans Scholl als Mensch, Mentor, Anstifter
zum Widerstand bedeutet Nur Fakten, Notizen über Begegnungen, Treffen,
Reisen, über Lektüren, Konzertbesuche, Kirchgänge,
Skiausflüge ... Ein literarisch-theologisch interessierter junger Mann
mit einem großen Freundes- oder Bekanntenkreis, belastet mit den
Schwierigkeiten des Alltags im Krieg - könnte es scheinen.
Die politisch wichtigen Anmerkungen zu den Kontakten innerhalb des
Widerstandskreises sind fast zu überlesen. "Wieder Huber-Vorlesung,
die ich mäßig besuchen werde ... Abends sitzen Anneliese und ich
bei Scholls, wir sprechen von Büchern und den Menschen, deren Leben
dahinter steht." |
Am 6. Juni desselben Jahres, nun wieder in München:".. Die Art und
Erziehung, wie wir in der Religion aufwuchsen, sind denkbar schlecht und
voller Unmöglichkeiten ... Nur weil noch ein gewisser Glanz und bestimmt
auch ein Teil Sicherheit darauf lagen, konnte man sich eine Zeitlang darin
wohlfühlen. Urteilskraft und lebendige Überzeugung aber haben wir
nicht nuitbekommen, um eventuell diese Weltanschauung zu verteidigen. Ich
behaupte, daß dies gar nicht du eigentliche Christentum war ... In
Wirklichkeit, ist Christenturn ein viel schwereres und ungewisseres Leben,
das voller Anstrengung ist und immer wieder neue Überwindung kostet
um es zu vollziehen..."
Aus dem Abschiedsbrief vom 12. Oktober an die Eltern und Schwestern: "-..
An diesem Tag werde ich aus dem Leben scheiden und in die Ewigkeit gehen.
Vor allem schmerzt es mich daß ich Euch die Ihr weiterleben werdet
diesen Schmerz bereiten muß. Aber Trost und Stärke findet Ihr
bei Gott. darum werde ich bis zum letzten Augenblick beten, denn ich weiß,
daß es für Euch schwerer sein wird als für mich ..."
Der Gefängnisgeistliche hat dann noch einen letzten Gruß
stenographiert und aus der Haftanstalt geschmuggelt Er gilt vor allem der
Schwester Anneliese, der er seine Bücher und Schriften
hinterläßt. "Du sollst nach Deinem Gutdünken damit umgehen."
Und außerdem: "Du weißt, daß ich nicht leichtsinnig gehandelt
habe, sondern, daß ich aus tiefster Sorge und dem Bewußtsein
der ernsten Lage gehandelt habe. Und Du mögest dafür sorgen, daß
dieses in der Familie, den Verwandte und Freunden lebendig und bewußt
bleibt..." abu |
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