Weiße Rose

Willi-Graf-Realschule

Wachsamkeit als Konsequenz

mail

Gästebuch

Übersicht

Titelseite

Euskirchen

Schule

Willi Graf


Kurzbiographie
Stichworte
Biographie
Links
Nachruf
Ricarda Huch
Treffen 2000
Festschrift
Ein Name
warum
Fotogalerie
letzten Worte
Relief
Gedanken
Die Schwestern
Treffen 1998
Blutzeugen
Unterricht
Internet
Wachsamkeit
Aber trotzdem
Poppelsdorf
Widerstandskämpfer


Über den pädagogischen Auftrag einer Willi-Graf-Schule
Beitrag von Anneliese Knoop-Graf in der Festschrift zum 25 jährigen Bestehen
der Willi-Graf-Realschule Euskirchen 1988

(diesen Nachruf könnt Ihr auch ohne Bild als rtf-Datei laden. (kann mit Word geöffnet werden))

Knoop-Graf
1982: von links
Frau Gerke
(ehemalige Direktorin)
Anneliese Knoop-Graf
Mathilde Baetz-Graf
(die beiden Schwestern
Willi Grafs)
Dirk Kaelble, Ulrike Klein (Schülersprecher)

Sechs Schulen sind es, die nach meinem Bruder benannt sind: Willi-Graf-Gymnasium, München (seit 1965), Willi-Graf-Grundschule, Koblenz (seit 1969), Willi-Graf-Realschule, Euskirchen (seit 1975), Willi-Graf-Gymnasium, Saarbrücken (seit 1977), Willi-Graf-Realschule, Saarbrücken (seit 1978), Willi-Graf- Realschule, Willich (seit 1978).

Sie alle vermitteln und wahren je auf ihre Weise die Erinnerung an ihren Namensträger, sei es anläßlich von Gedenktage; und Schuljubiläen, sei es durch von Schülergruppen erarbeitete Ausstellungen, sei es durch Aktualisierung der Widerstandsdiskussionen im Unterricht. Auch sind einige Male Leiter, Lehrer, Schüler und Elternvertreter mit meiner Schwester und mir zusammen gekommen (so im Herbst 1986 in Euskirchen) zu einem Austausch von Informationen, Materialien, Meinungen und Erfahrungen. Es ging um die Frage, was müßte Willi-Graf-Schulen im Alltag und im Unterricht auszeichnen was sollten sie erstreben. Mehrfach bin ich im Laufe der Zeit in der Willi-Graf-Realschule in Euskirchen gewesen und gerade hier fühle ich mich besonders angesprochen. In Euskirchen nämlich (genauer: in Kuchenheim), wo unser Vater Direktor der Molkerei gewesen war, wurden wir drei Geschwister geboren, wuchsen dann aber in Saarbrücken auf. In unseren Kindertagen kamen wir häufig hierher zu Besuch; Willi besonders gerne, denn er liebte die ländliche Gegend, die rheinländische Verwandtschaft.

Dennoch blieb er nach dem Krieg in seinem Geburtsort zunächst weitgehend unbekannt. Erst mit der Namensgebung der Schule wurde sein Andenken lebendig. Man wußte nun: Willi Graf war einer von uns ? ein "Kuchenheimer".

Es ist aber nicht nur die Tatsache, da3 ich mich hier am Geburtsort meines Bruders befinde, die mich bewegt; es sind auch die auf der Gedenktafel angebrachten Worte ? ein Zitat aus seinem Tagebuch: "Schwer ist, daß man solchen Problemen oft so allein gegenübersteht. Jeder einzelne trägt dann die ganze Verantwortung."

Täglich gehen Hunderte von Schülern daran vorbei. Ob sie sich über diese Zeilen gelegentlich Gedanken machen? Sind sie Mahnung und Anspruch?

Bei meinen Vorträgen und bei den sich daran anschließenden Diskussionen und Gesprächen berichte und erzähle ich, lasse mich befragen, frage selber nach Verständnis und Annahme.. Ich schildere Willis familiäres Umfeld, seine Jugend- und Studentenzeit, spreche über seine Erlebnisse an der Front, komme. zu den Begegnungen mit dem Kreis der Weißen Rose, an denen auch ich im Winter 1942/43 teilhatte; die Welt also, die ihn umgab, in der er aufwuchs, über die er hinauswuchs; die frühe Erkenntnis-, dem NS-System widersagen zu müssen, sein Weg zum Widerstand; schließlich Verhaftung, Verhöre, Prozesse, einsame Monte in der Todeszelle, sein Tod und seine Botschaft an uns. Sein letzter Gruß und Auftrag an mich: "Du sollst dazu bestimmt sein, mein Andenken und mein Wollen aufrecht zu er halten." Stelle ich jedoch in diesem Zusammenhang vor allem dar, wie in meinem Bruder der Entschluß heranreifte, sich gegen die Unterdrückung der Menschlichkeit zu wehren und auch für andere ein Zeichen zu setzen; wie durch direkte Erfahrungen der Grausamkeiten und Leiden des Krieges sein Wille verstärkt wurde ? bis hin zu einer vom Gang der Ereignisse aufgezwungenen und persönlich angenommenen radikalen Widerstandshaltung. Nicht: Es muß etwas geschehen, sondern: Ich muß etwas tun. Orientierungspunkt war die Erkenntnis, daß Christsein und Menschsein nicht getrennt. voneinander existieren, sondern eine Einheit bilden, die den politisch denkenden und handelnden Christen fordert.

Doch sein Schritt zum Widerstand bleibt letztlich sein Geheimnis, das uns nicht zugänglich ist. Wir kommen nur bis, zur Schwelle dieser Entscheidung. Da bestand offensichtlich ein innerer Zusammenhang zwischen Charakter und Schicksal, den auch wir Angehörigen nur erahnen können. Aber wir kennen die Voraussetzungen, die dazu führten.

Es fällt mir nicht leicht, vor einem größeren Kreis von jenen schmerzlichen Ereignissen zu sprechen, die auch mein Leben geprägt haben. Doch die heutige Generation und insbesondere Schüler einer Willi-Graf-Schule haben ein Anrecht darauf, zu wissen und zu verstehen, was damals geschah, und warum es geschah.

So tritt mein Bruder aus dem Familienportrait heraus, seine Gestalt ist zu einer historischen geworden, und ich fühle mich verpflichtet, Zeugnis zu geben von Willi Graf und der Weißen Rose, um auf diese Weise die Tradition, die sich mit der Namengebung verbindet, zu festigen.

Durch diese Aufgabe erwachsen Probleme der Vermittlung. Als Schwester muß ich mühsam Balance halten zwischen Distanz der Berichterstattung und der Notwendigkeit persönliche Erlebnisse einzubringen. Nie kann ich z.B. den heutigen Menschen klar machen, was es heißt, dies auf sich zu nehmen: Widerstand in Einsamkeit? Wie ihnen erklären, daß man damals in jener bösen Zeit selbst mit den liebsten und nahestehendsten Menschen über manches, was man tat und dachte, nicht sprechen konnte? Werde ich meine Authentizität bewahren, auch wenn ich auf manche Fragen antworten muß: Ich weiß es nicht ? oder: Ich weiß es nicht mehr? Mir bleibt Willis Zusicherung aus seinem Abschiedsbrief: "Ich werde bei Dir sein, auch wenn ich nicht mehr im Leben an Deiner Seite stehen kann."

Wie sollen aber auch junge Menschen, die selber eine Diktatur nicht kennen gelernt haben und daher die Begriffe Freiheit, Recht und Menschenwürde mit anderen Inhalten füllen, a11 die Mechanismen und Auswirkungen der menschenverachtenden Tyrannei begreifen können? Doch möchte ich mit meiner Darstellung die Erkenntnis vermitteln, daß auch in einem auf Gewalt gegründeten System der Einzelne ein Gewicht hat, kraft seines Gewissens und durch die Macht persönlicher Entscheidung, für diese Überzeugung sein Leben zu riskieren.

Die Gespräche im Anschluß an meine Vorträge sind stark von Emotionen geprägt. Es bleibt nicht aus, daß sich meine Ergriffenheit auch auf die Zuhörer überträgt. Daraus entstehen zuweilen Bestürzung, Mitgefühl, Scheu ? Scheu auch, zu fragen. (Sie ist bei den Jüngeren geringer, sie sind unbefangener, persönlicher, ins Einzelne gehend. Den 14 ? 16 jährigen fällt es schwerer, sich zu äußern. Sie müssen vielfach erst zu Nachfrage und Rückbesinnung ermuntert werden.)

Fragen tauchen auf: Wußten die Gefährten der Weißen Rose, wie mutig sie waren? Ahnten sie, wie stark sie dann vor dem Volksgerichtshof noch sein mußten? Fürchteten sie, wie nutzlos das im Augenblick war, was sie wagten? Vor allem aber: Können wir aus dieser Geschichtslektion etwas lernen?

Wenn also der Name der Schule nicht nur ein Etikett, die Gedenktafel keine Dekoration, das Erinnern an Willi Graf keine obligate Formsache sein soll, sondern zu einem ständigen Anspruch wird, dann muß die Frage lauten: Was hat das. alles mit uns zu tun?

Oft sehen sich junge Menschen vor dem Problem: wie hätten Wir uns damals verhalten? Wären wir ebenso standhaft und kompromißlos geblieben wie jene Studenten? Eine solche Frage ist Gottlob nicht aktuell. Sie muß vielmehr heißen: Was können wir heute tun, daß nie und nimmermehr eine solche Situation entstehen kann? Die Antwort darauf: Habt Mut und schwimmt gegen den Strom, wenn ihr seht, daß es politisch notwendig ist. Trainiert euch, für das Recht im Kleinen einzustehen, ehe es im Großen gebrochen wird; dann wird euch auch in außergewöhnlichen Situationen die Kraft zuwachsen, die ihr zum Durchhalten braucht.

Und weiter wollen die jungen Menschen wissen, ob ein äußeres Sichanpassen an den Nationalsozialismus nicht klüger gewesen wäre als Widerstand unter Einsatz de." Lebens? \,?o lagen die Ursachen für eine solche Haltung? Woher nahm Willi Graf die Kraft, die lange Einzelhaft durchzustehen und die Namen seiner Freunde, trotz der Erpressungsversuche der Gestapo, nicht zu verraten? Eine Erklärung hierfür liegt sicher in Willi Grafs tiefgegründetem christlichen Glauben, denn ohne die Gewißheit des Weiterlebens nach dem Tode hätte er sich weder. zu einer solchen Tat entschließen, noch dem Tod so gelassen entgegensehen können.

Wie weit sich heutige Jugendliche mit diesem Beispiel des konsequenten Eintretens für Freiheit, Recht und Menschenwürde auseinandersetzen und daraus Impulse für ihr eigenes Handelin schöpfen können, vermag ich nicht abzuschätzen. Es liegt mir aber daran, daß Motivation und Zielsetzungen der Weißen Rose nicht nur aus ihrer damaligen politischen Umgebung heraus verstanden werden. Die christlich humanistischen Handlungsanstöße, der starke Wille, der Mut, ihr Gottvertrauen und auch ihre Ängste sollen den Einzelnen anregen, sich Rechenschaft zu geben, ob und inwieweit er im moralischen Ernstfall verführbar wäre. Er wird sich fragen lassen müssen, ob er begreifen oder ob er ausweichen will, ob er NEIN sagt, wenn es bequemer ist, JA zu sagen. Die bedrängende Mahnung des 3. Flugblattes: "Verbergt nicht eure Feigheit unter dem Mantel der Klugheit" hat uns auch heute noch etwas zu sagen.

Denn auch heute ist Widerstand oder besser: Protestieren, sich widersetzen, aufbegehren, sich verweigern gefordert. Protest gegen das Wettrüsten der Supermächte, gegen Willkür und soziale Ungerechtigkeit, gegen die Zerstörung des ökologischen Bestandes unserer Erde, gegen eine bedenkenlose Ausgrenzung von Minderheiten.

Aber: Sind die Situationen von damals und heute vergleichbar? Ich denke nein. Widerstand damals hieß, sich auf daß Schlimmste gefaßt zu machen, auf Folter, auf Konzentrationslager, auf das, Schafott. Widerstand heute hingegen bedeutet, daß öffentlich Widerstand geleistet werden kann in einem Staat, in dem Mut nicht mehr lebensgefährlich ist; in dem es vielmehr ein Recht und eine Pflicht ist, sich für die demokratischen Grundrechte unerschrocken einzusetzen.

Und doch gibt es einen Zusammenhang zwischen damals und heute: Er liegt z.B. in der Ähnlichkeit der Antworten auf die Frage: Was können wir tun? Möglichst nicht auffallen! Den Mund halten! Den Weg des geringsten Widerstandes gehen! Wir können j a doch nichts machen und erreichen! ? So oder ähnlich wird heute zumeist eine politische Verzichterklärung und antidemokratische Resignation umschrieben. So auch bekamen es Willi Graf und seine Freunde von denen zu hören, die Klugheit predigten im Stillsein und Sichanpassen.

Doch widerstehen im ursprünglichen Sinne stellt auch Anforderungen an jeden Einzelnen von uns, z.B. politisch wachsam und sensibel zu sein, das Gewissen zu schärfen, sich nicht vereinnahmen zu lasen, den Gruppenzwängen zu entsagen, die Anstrengungen einer kritischen Informationsaufnahme und -Verarbeitung auf sich zu nehmen und von daher selbstverantwortli.ch zu handeln. Wachsam sein ? das bedeutet eben, um es auf eine Kurzformel zu bringen: Aufpassen, Erkennen, Neinsagen, Durchhalten.

Neben diesem Ansporn zur Wachsamkeit bedeutet der Name Willi Graf auch ein Imperativ zum Mut zur Kritik, ja dem Mut zu Widerspruch und Zivilcourage. Er kann heute jungen Menschen vor dem Hintergrund der Krisen, der Verunsicherung und Orientierungslosigkeit, die vielen oft nur noch Anpassung oder Ausstieg als mögliche Auswege offen lassen, Hoffnung geben und ermutigender Anstoß sein, eine eigene Meinung zu haben und sich auch in schwierigen Zeiten zu dieser zu bekennen. Das geringste, was Willi Graf von uns erwartet, ist Klarheit des Gedankens und der Mut, damit allein zu stehen.

Die Frage nach Vorbild und Beispiel kann allerdings immer unter dem Aspekt gesehen werden, was jeder Einze1ne als Maßstab und Muster für seine eigene Wertorientierung und Lebensgestaltung annehmen kann und will.

Mit meinem Versuch, die Stationen der kurzen Lebensbahn meines Bruders festzuhalten, will ich ihn allerdings nicht zu einem Helden stilisieren, dem nachzueifern von vornherein aussichtslos sei. Auch er war nicht frei von Zweifel und Kleinmut, von Fehlern, Schwächen und Unzulänglichkeiten. Ich hoffe, daß es mir immer wieder gelungen ist, Willi Graf als jungen lebensfrohen Menschen nahezubringen.

Es geht letztlich darum, das Zeitlos-Gültige an Willi Graf zu erkennen und in unsere Gegenwart zu rufen. Nur so wird der Name "Willi-Graf-Schule" kein leerer Begriff, sondern umfassendes Programm und Herausforderung zugleich.

Ich glaube daran, daß eine Schule, die sich auf die Bedeutung und Akzeptanz ihres Namensträgers besinnt, Rückwirkungen hat auf persönliche Betroffenheit. und auch auf die sich daraus ergebenden Konsequenzen.

Festschrift

Anneliese Knoop ? Graf
Oktober 1987

Bitte nur mit dem Vermerk "Beitrag von Anneliese Knoop-Graf in der Festschrift zum 25 jährigen Bestehen der Willi-Graf-Realschule Euskirchen 1988 und der URL http://home.t-online.de/home/willi-graf-realschule/knoop.htm"
veröffentlichen.

(nach oben!)