1982: von links Frau Gerke
(ehemalige Direktorin) Anneliese Knoop-Graf
Mathilde Baetz-Graf (die beiden Schwestern Willi
Grafs) Dirk Kaelble, Ulrike Klein (Schülersprecher)
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Sechs Schulen sind es, die nach meinem
Bruder benannt sind: Willi-Graf-Gymnasium, München
(seit 1965), Willi-Graf-Grundschule, Koblenz (seit 1969),
Willi-Graf-Realschule, Euskirchen (seit 1975), Willi-Graf-Gymnasium,
Saarbrücken (seit 1977), Willi-Graf-Realschule,
Saarbrücken (seit 1978), Willi-Graf- Realschule,
Willich (seit 1978).
Sie alle vermitteln und wahren je auf ihre Weise
die Erinnerung an ihren Namensträger, sei es anläßlich
von Gedenktage; und Schuljubiläen, sei es durch
von Schülergruppen erarbeitete Ausstellungen, sei
es durch Aktualisierung der Widerstandsdiskussionen
im Unterricht. Auch sind einige Male Leiter, Lehrer,
Schüler und Elternvertreter mit meiner Schwester
und mir zusammen gekommen (so im Herbst 1986 in Euskirchen)
zu einem Austausch von Informationen, Materialien, Meinungen
und Erfahrungen. Es ging um die Frage, was müßte
Willi-Graf-Schulen im Alltag und im Unterricht auszeichnen
was sollten sie erstreben. Mehrfach bin ich im Laufe
der Zeit in der Willi-Graf-Realschule in Euskirchen
gewesen und gerade hier fühle ich mich besonders
angesprochen. In Euskirchen nämlich (genauer: in
Kuchenheim), wo unser Vater Direktor der Molkerei gewesen
war, wurden wir drei Geschwister geboren, wuchsen dann
aber in Saarbrücken auf. In unseren Kindertagen
kamen wir häufig hierher zu Besuch; Willi besonders
gerne, denn er liebte die ländliche Gegend, die
rheinländische Verwandtschaft.
Dennoch blieb er nach dem Krieg in seinem Geburtsort
zunächst weitgehend unbekannt. Erst mit der Namensgebung
der Schule wurde sein Andenken lebendig. Man wußte
nun: Willi Graf war einer von uns ? ein "Kuchenheimer".
Es ist aber nicht nur die Tatsache, da3 ich mich
hier am Geburtsort meines Bruders befinde, die mich
bewegt; es sind auch die auf der Gedenktafel angebrachten
Worte ? ein Zitat aus seinem Tagebuch: "Schwer
ist, daß man solchen Problemen oft so allein gegenübersteht.
Jeder einzelne trägt dann die ganze Verantwortung."
Täglich gehen Hunderte von Schülern daran
vorbei. Ob sie sich über diese Zeilen gelegentlich
Gedanken machen? Sind sie Mahnung und Anspruch?
Bei meinen Vorträgen und bei den sich daran
anschließenden Diskussionen und Gesprächen
berichte und erzähle ich, lasse mich befragen,
frage selber nach Verständnis und Annahme.. Ich
schildere Willis familiäres Umfeld, seine Jugend-
und Studentenzeit, spreche über seine Erlebnisse
an der Front, komme. zu den Begegnungen mit dem Kreis
der Weißen Rose, an denen auch ich im Winter 1942/43
teilhatte; die Welt also, die ihn umgab, in der er aufwuchs,
über die er hinauswuchs; die frühe Erkenntnis-,
dem NS-System widersagen zu müssen, sein Weg zum
Widerstand; schließlich Verhaftung, Verhöre,
Prozesse, einsame Monte in der Todeszelle, sein Tod
und seine Botschaft an uns. Sein letzter Gruß
und Auftrag an mich: "Du sollst dazu bestimmt sein,
mein Andenken und mein Wollen aufrecht zu er halten."
Stelle ich jedoch in diesem Zusammenhang vor allem dar,
wie in meinem Bruder der Entschluß heranreifte,
sich gegen die Unterdrückung der Menschlichkeit
zu wehren und auch für andere ein Zeichen zu setzen;
wie durch direkte Erfahrungen der Grausamkeiten und
Leiden des Krieges sein Wille verstärkt wurde ?
bis hin zu einer vom Gang der Ereignisse aufgezwungenen
und persönlich angenommenen radikalen Widerstandshaltung.
Nicht: Es muß etwas geschehen, sondern: Ich
muß etwas tun. Orientierungspunkt war die Erkenntnis,
daß Christsein und Menschsein nicht getrennt.
voneinander existieren, sondern eine Einheit bilden,
die den politisch denkenden und handelnden Christen
fordert.
Doch sein Schritt zum Widerstand bleibt letztlich
sein Geheimnis, das uns nicht zugänglich ist. Wir
kommen nur bis, zur Schwelle dieser Entscheidung. Da
bestand offensichtlich ein innerer Zusammenhang zwischen
Charakter und Schicksal, den auch wir Angehörigen
nur erahnen können. Aber wir kennen die Voraussetzungen,
die dazu führten.
Es fällt mir nicht leicht, vor einem größeren
Kreis von jenen schmerzlichen Ereignissen zu sprechen,
die auch mein Leben geprägt haben. Doch die heutige
Generation und insbesondere Schüler einer Willi-Graf-Schule
haben ein Anrecht darauf, zu wissen und zu verstehen,
was damals geschah, und warum es geschah.
So tritt mein Bruder aus dem Familienportrait heraus,
seine Gestalt ist zu einer historischen geworden, und
ich fühle mich verpflichtet, Zeugnis zu geben von
Willi Graf und der Weißen Rose, um auf diese Weise
die Tradition, die sich mit der Namengebung verbindet,
zu festigen.
Durch diese Aufgabe erwachsen Probleme der Vermittlung.
Als Schwester muß ich mühsam Balance halten
zwischen Distanz der Berichterstattung und der Notwendigkeit
persönliche Erlebnisse einzubringen. Nie kann ich
z.B. den heutigen Menschen klar machen, was es heißt,
dies auf sich zu nehmen: Widerstand in Einsamkeit? Wie
ihnen erklären, daß man damals in jener bösen
Zeit selbst mit den liebsten und nahestehendsten Menschen
über manches, was man tat und dachte, nicht sprechen
konnte? Werde ich meine Authentizität bewahren,
auch wenn ich auf manche Fragen antworten muß:
Ich weiß es nicht ? oder: Ich weiß es nicht
mehr? Mir bleibt Willis Zusicherung aus seinem Abschiedsbrief:
"Ich werde bei Dir sein, auch wenn ich nicht mehr
im Leben an Deiner Seite stehen kann."
Wie sollen aber auch junge Menschen, die selber eine
Diktatur nicht kennen gelernt haben und daher die Begriffe
Freiheit, Recht und Menschenwürde mit anderen Inhalten
füllen, a11 die Mechanismen und Auswirkungen der
menschenverachtenden Tyrannei begreifen können?
Doch möchte ich mit meiner Darstellung die Erkenntnis
vermitteln, daß auch in einem auf Gewalt gegründeten
System der Einzelne ein Gewicht hat, kraft seines Gewissens
und durch die Macht persönlicher Entscheidung,
für diese Überzeugung sein Leben zu riskieren.
Die Gespräche im Anschluß an meine Vorträge
sind stark von Emotionen geprägt. Es bleibt nicht
aus, daß sich meine Ergriffenheit auch auf die
Zuhörer überträgt. Daraus entstehen zuweilen
Bestürzung, Mitgefühl, Scheu ? Scheu auch,
zu fragen. (Sie ist bei den Jüngeren geringer,
sie sind unbefangener, persönlicher, ins Einzelne
gehend. Den 14 ? 16 jährigen fällt es schwerer,
sich zu äußern. Sie müssen vielfach
erst zu Nachfrage und Rückbesinnung ermuntert werden.)
Fragen tauchen auf: Wußten die Gefährten
der Weißen Rose, wie mutig sie waren? Ahnten sie,
wie stark sie dann vor dem Volksgerichtshof noch sein
mußten? Fürchteten sie, wie nutzlos das im
Augenblick war, was sie wagten? Vor allem aber: Können
wir aus dieser Geschichtslektion etwas lernen?
Wenn also der Name der Schule nicht nur ein Etikett,
die Gedenktafel keine Dekoration, das Erinnern an Willi
Graf keine obligate Formsache sein soll, sondern zu
einem ständigen Anspruch wird, dann muß die
Frage lauten: Was hat das. alles mit uns zu tun?
Oft sehen sich junge Menschen vor dem Problem: wie
hätten Wir uns damals verhalten? Wären wir
ebenso standhaft und kompromißlos geblieben wie
jene Studenten? Eine solche Frage ist Gottlob nicht
aktuell. Sie muß vielmehr heißen: Was können
wir heute tun, daß nie und nimmermehr eine solche
Situation entstehen kann? Die Antwort darauf: Habt Mut
und schwimmt gegen den Strom, wenn ihr seht, daß
es politisch notwendig ist. Trainiert euch, für
das Recht im Kleinen einzustehen, ehe es im Großen
gebrochen wird; dann wird euch auch in außergewöhnlichen
Situationen die Kraft zuwachsen, die ihr zum Durchhalten
braucht.
Und weiter wollen die jungen Menschen wissen, ob
ein äußeres Sichanpassen an den Nationalsozialismus
nicht klüger gewesen wäre als Widerstand unter
Einsatz de." Lebens? \,?o lagen die Ursachen für
eine solche Haltung? Woher nahm Willi Graf die Kraft,
die lange Einzelhaft durchzustehen und die Namen seiner
Freunde, trotz der Erpressungsversuche der Gestapo,
nicht zu verraten? Eine Erklärung hierfür
liegt sicher in Willi Grafs tiefgegründetem christlichen
Glauben, denn ohne die Gewißheit des Weiterlebens
nach dem Tode hätte er sich weder. zu einer solchen
Tat entschließen, noch dem Tod so gelassen entgegensehen
können.
Wie weit sich heutige Jugendliche mit diesem Beispiel
des konsequenten Eintretens für Freiheit, Recht
und Menschenwürde auseinandersetzen und daraus
Impulse für ihr eigenes Handelin schöpfen
können, vermag ich nicht abzuschätzen. Es
liegt mir aber daran, daß Motivation und Zielsetzungen
der Weißen Rose nicht nur aus ihrer damaligen
politischen Umgebung heraus verstanden werden. Die christlich
humanistischen Handlungsanstöße, der starke
Wille, der Mut, ihr Gottvertrauen und auch ihre Ängste
sollen den Einzelnen anregen, sich Rechenschaft zu geben,
ob und inwieweit er im moralischen Ernstfall verführbar
wäre. Er wird sich fragen lassen müssen, ob
er begreifen oder ob er ausweichen will, ob er NEIN
sagt, wenn es bequemer ist, JA zu sagen. Die bedrängende
Mahnung des 3. Flugblattes: "Verbergt nicht eure
Feigheit unter dem Mantel der Klugheit" hat uns
auch heute noch etwas zu sagen.
Denn auch heute ist Widerstand oder besser: Protestieren,
sich widersetzen, aufbegehren, sich verweigern gefordert.
Protest gegen das Wettrüsten der Supermächte,
gegen Willkür und soziale Ungerechtigkeit, gegen
die Zerstörung des ökologischen Bestandes
unserer Erde, gegen eine bedenkenlose Ausgrenzung von
Minderheiten.
Aber: Sind die Situationen von damals und heute vergleichbar?
Ich denke nein. Widerstand damals hieß, sich auf
daß Schlimmste gefaßt zu machen, auf Folter,
auf Konzentrationslager, auf das, Schafott. Widerstand
heute hingegen bedeutet, daß öffentlich Widerstand
geleistet werden kann in einem Staat, in dem Mut nicht
mehr lebensgefährlich ist; in dem es vielmehr ein
Recht und eine Pflicht ist, sich für die demokratischen
Grundrechte unerschrocken einzusetzen.
Und doch gibt es einen Zusammenhang zwischen damals
und heute: Er liegt z.B. in der Ähnlichkeit der
Antworten auf die Frage: Was können wir tun? Möglichst
nicht auffallen! Den Mund halten! Den Weg des geringsten
Widerstandes gehen! Wir können j a doch nichts
machen und erreichen! ? So oder ähnlich wird heute
zumeist eine politische Verzichterklärung und antidemokratische
Resignation umschrieben. So auch bekamen es Willi Graf
und seine Freunde von denen zu hören, die Klugheit
predigten im Stillsein und Sichanpassen.
Doch widerstehen im ursprünglichen Sinne stellt
auch Anforderungen an jeden Einzelnen von uns, z.B.
politisch wachsam und sensibel zu sein, das Gewissen
zu schärfen, sich nicht vereinnahmen zu lasen,
den Gruppenzwängen zu entsagen, die Anstrengungen
einer kritischen Informationsaufnahme und -Verarbeitung
auf sich zu nehmen und von daher selbstverantwortli.ch
zu handeln. Wachsam sein ? das bedeutet eben, um es
auf eine Kurzformel zu bringen: Aufpassen, Erkennen,
Neinsagen, Durchhalten.
Neben diesem Ansporn zur Wachsamkeit bedeutet der
Name Willi Graf auch ein Imperativ zum Mut zur Kritik,
ja dem Mut zu Widerspruch und Zivilcourage. Er kann
heute jungen Menschen vor dem Hintergrund der Krisen,
der Verunsicherung und Orientierungslosigkeit, die vielen
oft nur noch Anpassung oder Ausstieg als mögliche
Auswege offen lassen, Hoffnung geben und ermutigender
Anstoß sein, eine eigene Meinung zu haben und
sich auch in schwierigen Zeiten zu dieser zu bekennen.
Das geringste, was Willi Graf von uns erwartet, ist
Klarheit des Gedankens und der Mut, damit allein zu
stehen.
Die Frage nach Vorbild und Beispiel kann allerdings
immer unter dem Aspekt gesehen werden, was jeder Einze1ne
als Maßstab und Muster für seine eigene Wertorientierung
und Lebensgestaltung annehmen kann und will.
Mit meinem Versuch, die Stationen der kurzen Lebensbahn
meines Bruders festzuhalten, will ich ihn allerdings
nicht zu einem Helden stilisieren, dem nachzueifern
von vornherein aussichtslos sei. Auch er war nicht frei
von Zweifel und Kleinmut, von Fehlern, Schwächen
und Unzulänglichkeiten. Ich hoffe, daß es
mir immer wieder gelungen ist, Willi Graf als jungen
lebensfrohen Menschen nahezubringen.
Es geht letztlich darum, das Zeitlos-Gültige
an Willi Graf zu erkennen und in unsere Gegenwart zu
rufen. Nur so wird der Name "Willi-Graf-Schule"
kein leerer Begriff, sondern umfassendes Programm und
Herausforderung zugleich.
Ich glaube daran, daß eine Schule, die sich
auf die Bedeutung und Akzeptanz ihres Namensträgers
besinnt, Rückwirkungen hat auf persönliche
Betroffenheit. und auch auf die sich daraus ergebenden
Konsequenzen. |