Weiße Rose

Willi-Graf-Realschule

Willi Graf - ein ernstes Lebensschicksal vor Poppelsdorfer Hintergrund

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Artikel in "Signal" - Informationen für Poppelsdorf  5/1988

Am 8. April 1943 nennt der Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof Berlin in einer Anklageschrift den "Willi Graf aus München, geboren am 2. Januar 1918 in Kuchenheim, ledig, nicht bestraft, am 18. Februar 1943 vorläufig festgenommen und auf Grund des Haftbefehls des Amtsgerichts in München vom 25. März 1943 seit diesem Tage in gerichtlicher Untersuchungshaft im Gerichtsgefängnis am Neudeck in München".
"Im Januar1943", heißt es an anderer Stelle der Anklageschrift, kam es in der Wohnung des beschuldigten Huber zu einer Zusammenkunft, bei der darüber gesprochen wurde, ob es Zweck habe, durch Flugblätter Propaganda gegen den Nationalsozialismus zu machen. Hierbei war auch der Angeschuldigte Graf zugegen."
Willi Graf Frühjahr 1940

Bei diesen Flugblättern handelt es sich um die Aktion "Weiße Rose", die nicht nur von den Geschwistern Scholl und dem Professor Huber getragen wurde, sondern auch von vielen anderen, darunter Willi Graf. Dieser Willi Graf war mit Poppelsdorf ganz eng verbunden; da erinnern sich manche seiner und seiner Verwandtschaft, wenn sie erfahren, dass Willi Grafs Mutter mit ihrem Mädchennamen Anna Gölden hieß und aus Poppelsdorf stammte; wenn der Leser dann noch erfährt dass die Mutter unseres Mitbürgers Karl Gypkens die Schwester von Grafs Mutter war, dann liegt eigentlich die Verpflichtung offen, einmal in SIGNAL von diesem Mitglied der "Weißen Rose" zu berichten.
Franz-Josef Gypkens, Brudermeister unserer Sebastianus-Schützen, daraufhin angesprochen, ob ihm Willi Graf ein Begriff sei, antwortete ohne Zögern: Natürlich kennen wir Willi Graf und wissen genau, was er getan und bedeutet hat. Außerdem wohnen auch Nachkommen von Grafs älterer Schwester in unserer Gemeinde. Eine Verbundenheit des Verstorbenen zu Sankt Sebastian und Poppelsdorf besteht also auf breiter Linie. Man müsste auch noch die vielen Freundschaften hinzurechnen, die sich der Medizinstudent bei seinem Studium in Bonn erworben hat. Darunter war der in Bonn Bekannteste Karl Bisa, Luisenstraße 9, eine Führerpersönlichkeit der bündischen katholischen Jugend, dessen Elternhaus gerne für verbotene Zusammenkünfte genutzt wurde. (Die Familie Graf wohnte seit 1923 in Saarbrücken.)
Nach dem Haupteindruck befragt, den sein Vetter Willi in ihm hinterlassen habe, antwortet Karl Gypkens: "Er war sehr still. Und er war viel auf Wanderschaft." Das lautete im Sprachgebrauch der Bündischen: Er war viel auf Fahrt. Damit sind zwei Wesensmerkmale von Willi Graf genannt. Er konnte so still sein, dass Besucher oder Gesprächsteilnehmer ganz erstaunt waren, als sie feststellen mussten, dass da noch jemand im Zimmer war. Außerdem war er ein auf Bündische Jugend und ihre Ideale ganz und gar eingeschworener Mensch.
Der Bund "Neudeutschland", der Zusammenschluss katholischer Gymnasiasten und Studenten an Gymnasien und Hochschulen, blieb Grafs geistige Heimat. Ostern 1934 kam es zu einem Treffen von Führern der Katholischen Jugend aus dem Westen und Südwesten auf einem Rheindampfer. Daraus entstand der "Graue Orden", gegen den bereits Anfang 1938 eine besondere Verhaftungswelle erging, wegen Verstoßes gegen Paragraph 4 der Verordnung zum Schutz von Volk und Staat. Graf kam mit 17 Gesinnungsgenossen vom 22. Januar bis 5. Februar 1938 in Untersuchungshaft in das Bonner Gefängnis.
Mehreren Umständen verdankt die Nachwelt eine, in Anbetracht der bedrohten Verhältnisse sehr gute Quellenlage zu den einzelnen Lebensstationen von Willi Graf. Er hat nämlich ein Tagebuch hinterlassen, das am 13. Juni 1942 beginnt und am 15. Februar 1943 endet. Es sind karge Notizen, nach Datum präzisiert, bei denen man sehr genau zwischen den Zeilen lesen muss, um das Eigentliche herauszulesen. Ferner hat Grafs Schwester Anneliese Knoop-Graf sich die Mühe gemacht, Briefe und Aufzeichnungen zu sammeln, zu kommentieren, zu entschlüsseln und das Ganze als Buch herauszugeben. Eine Fundgrube für den, der Graf nachträglich kennenlernen will.

Willi Graf und seine Schwestern 1926Im Winter 1937 beginnt er mit der Aufnahme des Medizinstudiums in Bonn. Er bleibt hier bis zur Ablegung des Physikums im September 1939, geht dann nach München, wo er als Sanitäter ausgebildet, später nach Belgien und Südfrankreich als Sanitätsunteroffizier abkommandiert wird. Im März 1941 Verlegung an die Ostfront, April 1942 Studentenkompanie München. Ununterbrochen lernt er neue Menschen kennen, trifft alte Freunde wieder. Sein Lesehunger ist besonders groß, die Aufzählung der Lektüre beeindruckend. Während der Heimataufenthalte singt er gerne in Chören, vor allem geistliche Musik, übt sich im Fechten, das er in Bonn begonnen hat

Tarnung geht vor

Wer handfeste politische Hinweise und Bemerkungen in den Briefen und Notizen sucht wird sie nicht finden. Tarnung geht vor. Als die Gestapo auftaucht, gilt die erste Sorge den Notizen. Namen von Freunden könnten Anhaltspunkte ergeben. Statt dessen liturgische Literatur: Romano Guardini, der von ihnen allen grenzenlos verehrt wird, der Studentenseelsorger Dr. Tack in Köln, die Frömmigkeit der Russen, die er bei seinen Aufenthalten im Osten kennen und bewundern gelernt hat. Hierzu eignet er sich einen gewissen Schatz der russischen Sprache an.
Die Russen sind für ihn die Brüder Dostojewskis, Tolstois, deren Gottesverehrung dem vergleichsweise nüchternen Ritual der Westkirche bei weitem überlegen ist; Freunde müssen ihn warnen, nicht zu sehr in Russophilie zu geraten.
Man spürt wie er gerade in der Welt des Hasses, der absichtsvollen, mit allen Mitteln bewirkten, gezielten Verächtlichmachung des Gegners, sich absolut weigert an das Böse im Menschen schlechthin zu glauben. .Was heißt streng katholisch erzogen?" räsonnierte Karl Gypkens bei dem Gespräch über Willi Graf, Er spielte damit auf Bemerkungen in dem genannten Buch der Schwester, also seiner Cousine, an, die vielleicht auf das Konto des Tübinger Professors Walter Jens zurückzuführen sind. Jens und seine Frau haben Frau Knoop-Graf geholfen, das Buch herauszugeben. "Die Grafs", so Gypkens, "waren so katholisch wie damals im rheinischen Bürgertum üblich. Nur nahm Willi, im Sinne der anlaufenden Liturgiebewegung, alles sehr ernst. Die Zelebrierung des Wortgottesdienstes unter Benutzung des Schott, das Erlebnis der Kirchenbesucher als Volk Gottes um den Altar in Mitte des Gotteshauses - überhaupt das Erlebnis des christlichen Volkes im Gottesdienst zu verwirklichen, bedeutete ihm sehr viel. Christus, Herr der neuen Zeit. Es galt, der zaudernden Amtskirche vorauszugehen, um für die Glaubenswahrheit einzutreten."
Als Graf im November 1942 zum zweitenmal aus Russland zur Studentenkompanie in München kommt trifft er auch Hans Scholl und dessen Freundeskreis wieder. In der Woche zwischen dem 11. und 19.November dieses Jahres ist er auch in Bonn gewesen, wo ihm das Schicksal des ihm bekannten, nun suspendierten Heinrich Lützeler zu denken gibt. Zum Beispiel will er wissen, weiche Bedeutung Lützeler Reinhold Schneider beimisst". Gleichzeitig, wohl als Tarnung, plant er einen Vergleichskampf Bonner- gegen Münchener Fechter.

Das Wagnis des Lebens

Aber dann geht alles schnell. Nichts deutet in Grafs Notizen und Briefen darauf hin, wie er sich entschieden hat. Anfang Dezember 1942, so nimmt seine Schwester an, hat er sich trotz des Dilettantischen, um nicht zu sagen Naiven, das den Plänen der "Weißen Rose" anhaftet, entschlossen mitzumachen. Was ihn bewogen hat? Die Bevölkerung aufrütteln, zu helfen in der Hoffnung, daraus werde mehr? Endlich der ständigen Unzufriedenheit auch mit sich selbst einen Ausweg zu geben? Den Eltern, Geschwistern, Freunden, auch um das Wagnis des Lebens, zeigen, dass die Zeit von einem jeden Taten verlangt?
Am 13. Januar 1943 kommt es. nach einer rüden Anpöbelung der Studentinnen im Deutschen Museum, durch den Gauleiter von München, zu einem regelrechten Krawall, der die ganze Stadt erschüttert. Stalingrad die ungeheure Katastrophe, zeichnet sich ab. Seitdem brodelt es in der Bevölkerung. Willi fährt mit gefälschten Papieren, das fünfte Flugblatt der "Weißen Rose" in der Kleidung, ein Kopiergerät im Rucksack nach Köln, Bonn, Saarbrücken, Freiburg und Ulm, um Mithelfer zu gewinnen. Vom 20. bis 24. Januar 1943 dauert die Reise, bei der Graf zum letzten Mal in Bonn gewesen ist. Wie auch in den Jahren zuvor, wohnt er bei Verwandten am Botanischen Garten. Aber es gelingt ihm nicht, im Rheinland jemand für seine Pläne zu gewinnen, die Hochschulen Bonn und Köln zu Protestzentren zu machen.Willi Graf 1929

Nach München zurückgekehrt, stürzt sich Willi Graf verbissener in die Aktivitäten. Am Tage der Kapitulation in Stalingrad verfassen er und Freunde ein neues Flugblatt. In der Münchener Innenstadt werden nachts Freiheitsparolen und Anti-Hitler-Aufrufe an die Wände geschrieben: "Freiheit", "Nieder mit Hitler!" Als Vater Gerhard Graf davon erfährt, soll er ausgerufen haben: "Da war Willi dabei." Graf verteilt Flugblätter. Am 18. Februar kommt es zur Verteilung eines neuen Flugblattes in der Universität. Zwölf Stunden später werden Anneliese und Willi Graf verhaftet. Die Schwester wird aus dem Prozess ausgesondert. Willi Graf, Professor Kurt Huber und Alexander Schmorell werden am 19. April 1944 zum Tode verurteilt. Während die beiden anderen im Juli danach hingerichtet werden, muss Graf bis zum 12. Oktober 1944 warten. Die Staatsanwaltschaft hatte gedacht, von ihm mehr zu erfahren. Der Kaplan Heinrich Sperr betete mit ihm den Psalm 90: "Herr Gott, Du bist unsere Zuflucht für und für." Dann treten sie den letzten Gang an.
Am Ende der Unterredung fügt Karl Gypkens einen Satz hinzu, den wieder nur ein älterer, im Leben reif gewordener Mensch verstehen kann: "Viele verehren ihn als Helden, aber den Eltern hat er viel Leid und Tränen gebracht."

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