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"Es war kein dummer Jungenstreich"

Geschwister Graf
Mathilde links
Anneliese in der Mitte

Wir drei Geschwister wuchsen miteinander auf in der sicheren Obhut eines katholischen, von der Tradition geprägten Elternhauses. Schon während der Schulzeit zog es unseren Bruder immer mehr zu den Freunden als zur Familie. Er gehörte bis 1936 dem katholischen Jugendbund "Neudeutschland" an, und er weigerte sich, in die HJ zu gehen, weil ihm und seinen Freunden die Gleichschaltung mit den Nazis widersprach. Nach der Auflösung der Bündischen Jugendverbände ging er weiterhin mit den Freunden auf Fahrten, zu Zusammenkünften und Lagern.
Wie gefährlich diese Unternehmungen waren, wurde mir erst dann bewußt, als ich im Januar 1938 anläßlich eines Besuches in Bonn - Willi hatte dort mit dem Medizinstudium begonnen - miterleben mußte, wie er von der Gestapo abgeführt wurde und wegen "Bündischer Umtriebe" einige Wochen in Untersuchungshaft kam. Aufgrund einer Amnestie wurde er dann entlassen, aber wir merkten ihm nicht an, daß ihn die Bespitzelung durch die Gestapo schreckte, vielmehr zeigte sich immer deutlicher sein Aufbegehren gegen die Nazidiktatur, auch wenn er uns, der Familie, nichts Konkretes über seine Beteiligung an den Widerstandsaktionen der "weißen Rose" sagte.
Am 26. Februar 1943 wurden meine Eltern verhaftet und zur Lerchesflur gebracht. Meinem Vater hatte man gesagt: "Ihr Sohn ist angeklagt wegen Hochverrat." Ich selbst durfte nicht inhaftiert werden, da ich mein erstes Kind erwartete, mußte mich aber zu Verhören in den Räumen der Gestapo am Schloßplatz einfinden.
Ende September, drei Wochen vor Willis Tod, bekam ich eine Besuchserlaubnis und hatte die große Gunst, ihn, durch das Wohlwollen seines Wärters, der inzwischen sein Vertrauter geworden war, weit über eine Stunde sprechen zu können.
Nun konnte Willi alles das fragen und sagen, was ihn in den langen Monaten seiner Einzelhaft beschäftigt und gequält hatte. Er erkundigte sich nach seinen Freunden, nannte Namen und wollte wissen, ob sie noch in Freiheit seien. Er war erleichtert, von mir zu erfahren, daß uns von seiten der Gestapo kein Leid zugefügt worden war, man hatte ihm nämlich bei Verhören gedroht, daß die ganze Familie ins "KZ" käme, wenn er keine weiteren Namen von Mitwissern und Sympathisanten nenne.
Auch daß Nachbarn sich mit gro8er Anteilnahme um uns kümmerten, war ihm eine Beruhigung. Ein Anliegen, das ihm besonders am Herzen lag, gab er mir mit: "Sage unserem Vater, daß es kein dummer Jungenstreich war, er wird einmal stolz auf mich sein können!"
Dankbar und froh war er, daß ich mit meinem inzwischen geborenen Sohn bei den Eltern war, weil er hoffte, daß sie durch ihre Freude mit dem Kind für das Leid und den Schmerz entschädigt werden könnten. In seinem Abschiedsbrief, in dem er uns alle ein letztes Mal grüßt, schreibt er: "schließt Ihr übrigen Euch zusammen und steht in Liebe und Vertrau- en zueinander. Die Liebe Gottes hält uns umfaßt und wir vertrauen seiner Gnade."

Mathilde Baez-Graf


"... ich schaffe es schon, denn ich weiß ja, wozu"

Geschwister Graf
Anneliese rechts

Wir wurden gemeinsam in unserer Wohnung spät abends am 18. Februar 1943 verhaftet, an jenem schicksalhaften Tag, da Hans und Sophie Scholl mittags in der Universität München Flugblätter verstreut hatten. Begleitet von zwei Gestapobeamten, im Fond eines Polizeiautos sitzend, hielten wir uns schweigend fest an den Händen. Das bedeutete uns mehr als Worte, die doch nichts mehr genützt hätten, wir waren ja bewacht. Einige Tage waren wir im Gestapo-Untersuchungsgefängnis im Wittelsbacher Palais; mit Hilfe eines Wärters steckte Willi mir Zettel zu, aus denen deutlich wurde, wie sehr er um die Familie bangte und hoffte, daß sie verschont blieb. Wir sahen uns hin und wieder auch für Sekunden, einmal für Minuten, als wir beide fotografiert wurden. Da sah er mich so ermutigend, fast beschwörend an, daß ich gestärkt in meine Gefängniszelle zurückkehrte. Es war ihm noch gelungen, acht Tage lang zu leugnen. um für die Freunde und sich zu retten, was noch zu retten war. Bei der Fülle des Beweismaterials blieb Willi schließlich nichts anderes übrig, als seine Beteiligung zuzugeben.
Am 19. April 1943 wurde er unter 14 Mitangeklagten mit Prof. Huber und Alexander Schmorell zum Tode verurteilt; an diesen beiden wurde das Urteil am 13. Juli vollstreckt. Willi aber mußte noch sechs Monate in Einzelhaft unter starken seelischen Belastungen auf seinen Tod warten. Er wurde fortwährend weiteren Verhören ausgesetzt, weil man noch Namen von Freunden und Mitwissern aus ihm herauspressen wollte.
Aber er blieb standhaft und schwieg. Und manche seiner Freunde verdanken seinem Schweigen ihr Leben. Wir, die Anverwandten, sahen in diesem Aufschub noch einen Hoffnungsschimmer für eine mögliche Begnadigung. Willi selber glaubte nicht an eine solche Gunst. Er schüttelte nur den Kopf, als ich bei einem Gefängnisbesuch einmal davon sprach.
Wir haben Willi nach dem Prozeß noch viermal besuchen können. Er war dabei ungebrochen, er spendete uns Trost und Zuspruch, nicht wir ihm. Ich erinnere mich, wie er dabei mit seinen klaren blauen Augen über uns hinweg ins Weite blickte - dann wieder schaute er uns beherrscht, fast teilnahmsvoll an und sagte leise: "Wenn ihr nur aushaltet, ich schaffe es schon, denn ich weiß ja, wozu". Nur einmal, als er unsere weinende Mutter vor sich sah, verschleierte sich sein Blick.
Er bat mich, ihm Gedichte in seine Todeszelle zu schicken. Als ich ihm Hölderlins Verse übersandte, bedankte er sich dafür mit einer sonst ungewohnten Innigkeit - wie er denn überhaupt den Briefen, die er uns alle 14 Tage schreiben konnte, Gefühle und Gedanken äußerte, die er - der sich früher nie anmerken ließ, wenn ihn etwas Außerordentliches bewegte - immer zurückgehalten hatte.
In seinem Abschiedsbrief an mich, den der Pfarrer unzensiert aus dem Gefängnis bringen konnte, schrieb er: "Du weißt, daß ich nicht leichtsinnig gehandelt habe, sondern aus tiefster Sorge und in dem Bewußtsein der ernsten Lage. Du mögest dafür sorgen, daß dies Andenken in der Familie und bei den Freunden lebendig und bewußt bleibt".

Anneliese Knoop-Graf


entnommen der Schrift:
Willi Graf
Gedenkschrift zum 40. Jahrestag seiner Hinrichtung am 12. Oktober 1943
Saarbrücken 1983

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