Weiße Rose

Willi-Graf-Realschule

Nachruf auf Willi Graf von Ricarda Huch

mail

Gästebuch

Übersicht

Titelseite

Euskirchen

Schule

Willi Graf


Kurzbiographie
Stichworte
Biographie
Links
Nachruf
Ricarda Huch
Treffen 2000
Festschrift
Ein Name
warum
Fotogalerie
letzten Worte
Relief
Gedanken
Die Schwestern
Treffen 1998
Blutzeugen
Unterricht
Internet
Wachsamkeit
Aber trotzdem
Poppelsdorf
Widerstandskämpfer






















Letzte Manuskripte der Dichterin in der Monatsschrift:
Die Wandlung Jahrgang 1948 Erstes Heft

(diesen Nachruf könnt Ihr auch ohne Bild als rtf-Datei laden. (kann mit Word geöffnet werden)


Willi Graf ´29

Aus dem weichen, ernsten Knabengesicht, das das Bild zeigt, blicken die Augen sinnend ins Weite. Er ist ehrlich gegen sich und streng in den Forderungen, die er an sich stellt. Er hat geglaubt und gezweifelt und gegrübelt und wieder geglaubt, und eins steht ihm fest, daß es schwer ist zu leben.
Willi Graf ist am 2. Januar 1918 in dem Dorfe Kuchenheim bei Euskirchen, wo sein Vater eine Molkerei verwaltete, geboren. Vier Jahre später, 1922, übersiedelte sein Vater nach Saarbrücken, um in eine Aktiengesellschaft für Weingroßhandel und Saalvermietung einzutreten. Er war ein rechtlicher Mann und verlangte, wenn es nötig war mit Strenge, ein ebensolches Verhalten von seinen Kindern, die Mutter sorgte liebevoll für gelegentlich den Alltag erhellende Freuden. Die Familie lebte in guten Verhältnissen, wenn auch gerechnet und gespart wurde. Die Beobachtung der kirchlichen Bräuche, das Miterleben des sinnvoll sich entfaltenden Kirchenjahres war den Kindern katholischer Eltern selbstverständlich. So blieb das Gewohnte für Willi Graf doch nicht leer; er dachte darüber nach und versuchte, es mit dem Verstande sich?s zu eigen zu machen. Er wollte nicht nur Christ heißen, sondern Christ sein.


Auf dem humanistischen Gymnasium, in das er mit zehn Jahren eintrat, wurden Religion, Deutsch und Griechisch seine Lieblingsfächer. Der Mittelpunkt seines geistigen Lebens war die Religion, mit ihr verknüpfte er Dichtung, bildende Kunst und Musik: Die griechische Dichtung zog ihn an, weil in ihr nächst der Bibel die gewaltigste religiöse Vision ausgedrückt ist, und ebenso suchte er die Religion in der deutschen Philosophie und Dichtung. Erst später erstreckte sich sein Interesse auf Geschichte; Politik, die Beziehungen und Verwicklungen des öffentlichen Lebens, blieb ihm gleichgültig. das Technische, das soviel Anziehungskraft für die Jungen hat, beschäftigte ihn nur nebenbei. Seinen Beruf wählte er nicht aus den Wissensgebieten, die ihn auf der Schule am meisten beschäftigt hatten: er entschloß sich Medizin zu studieren. Allerdings hängt die Medizin, insofern sie eine heilende Kunst ist, mit der Religion zusammen. Willis Mutter nahm zuweilen, wenn sie Arme und Kranke besuchte, damit sie einen Einblick in die entbehrungsreiche Lage so vieler ihrer Mitmenschen bekämen. Vielleicht legte sie in ihrem jungen Sohn den Keim zu dem Wunsche, als Arzt den Leidenden helfe zu können.
Während der Schulzeit waren die Wanderungen, die er in den Ferien machen durfte, das, was ihm am meisten beglückte. Die wechselnden Bilder, die am ihm vorüberzogen, die neuen Eindrücke, die er aufnahm, beschwichtigten sein ruheloses Herz. Er litt schon früh unter einer ihm selbst unerklärlichen inneren Unruhe. War es die Unruhe des Herzens, die nur in Gott Ruhe findet? Sein verlangen nach einem Freunde, dem gegenüber er sich aussprechen könnte, wurde nie ganz befriedigt, wenn es ihm auch an Kammeraden nicht fehlte.
Nachdem Willi Graf im Jahre 1937 in Freiburg das Abitur bestanden und dann den Arbeitsdienst durchgemacht hatte, begann er das Studium an der Universität Bonn. Wie es damals üblich war, genoß er die glückliche Freiheit, das erste Semester an der reich besetzten Tafel der Wissenschaft zu verschwenden, zumal die Vorlesungen, die für sein Fach zunächst im Betracht kamen, seine Zeit nicht ausfüllten. Er hörte Philosophie und Theologie, las viel, hörte viel Musik und durchwanderte die Umgebung. Es war eine sorglose Zeit, noch hatte der nationalsozialistische Despotismus mit seinem eisernen Netz nicht jede Bewegung des deutschen Volkskörpers festgenagelt. Bald aber bekam er den wachsenden Druck zu spüren: als Mitglied einer katholischen Jugendvereinigung wurde er verhaftet und nach einigen Wochen infolge einer Amnestie entlassen. Seiner religiösen Einstellung entsprechend war er von Anfang an ein entschiedener Gegner des Systems; lagen doch alle Frevel, die begangen wurden, in der Gottesfeindschaft beschlossen und folgten aus ihr.
Im Jahre 1939 wurde der Student als Infanterist eingezogen, als Sanitäter ausgebildet und auf mehreren Kriegsschauplätzen in seinem Berufe verwendet. Das Erlebnis des Krieges wirkte auf sein Gemüt wie ein betäubender Schlag: Auf Blut, Wunden und schweres Sterben mußte er gefaßt sein, aber brutale Behandlung und planmäßige Ausrottung schuldloser Menschen, wie sie von der Partei, Männern des eigenen Volkes, skrupellos, triumphierend begangen wurden, das war eine die Begriffe verwirrende, die Sinne empörende Erfahrung, eine gefährliche Erschütterung der Seele. So waren die Menschen, und solches ließ Gott zu! Gott selbst hatte das Fundament gelegt, auf dem die Menschen, die er zu seinem Ebenbilde schuf, Ordnungen ewiger Gültigkeiten aufbauten: Familie, Gemeinde, Staat. War es nicht immer leicht Ordnungen zu fügen, so mußte es doch gehen, wenn man guten Willens war und den göttlichen Willen begriff und anerkannte. Nun aber bebten und klafften diese heiligen Ordnungen. Das christliche Abendland, das auserwählte Land Gottes, triefte von unschuldigem Blut. >>Ich wünschte, ich hätte nicht sehen müssen, was ich alles in dieser Zeit mit ansehen mußte<< , schrieb er seiner Schwester.
Für das gläubige Kind war es leicht gewesen ein guter Christ zu sein: er ging zur Messe, er betete seine Gebete, er ging zur Beichte und war eingegliedert in die gesegnete Gemeinde. Nun war er mitten in einem Schwall von Untaten, Qualen und Ängsten, die ihn fordernd bedrängten. Wie sollte sich ein Christ hier verhalten? >>Gerade das Christwerden ist vielleicht das allerschwerste, denn wir sind es nie und können es höchstens im Tode ein wenig sein<<, schrieb er. Es ist schwer zu leben, es ist das allerschwerste als Christ zu leben - das war die Erkenntnis, die seine jungen Jahre ihm gebracht hatten, und diese tragische Erkenntnis lag wie ein schwerer Druck auf ihm.
?Ich behaupte?, schrieb er seiner Schwester, ?daß dies gar nicht das eigentliche Christentum ist, was wir all die Jahre zu sehen bekamen und was zur Nachahmung empfohlen wurde! In Wirklichkeit ist Christentum ein viel schwereres und ungewisseres Leben, das voller Anstrengung ist und immer wieder neue Überwindung kostet, um es zu vollziehen. Der Glaube ist keine solche einfache Sache, wie es uns erschien, in ihm geht nicht alles so glatt auf, wie man es wohl gemeint hat und sich vielleicht auch wünschte, um möglichst wenig Unruhe zu verspüren.?

An der russischen Front tat es ihm weh, wenn die Bewohner ihre Dörfer räumen mußten. War er zu weich, daß es ihm so schwer wurde das anzusehen? Eine Katze und Blumen blieben zurück, um die kümmerte er sich. Abends, wenn der Mond durch die Birkenstämme schien, hörte er zuweilen von russischen Frauen, die im Lager arbeiteten, ihre Lieder singen zur Guitarre und Balalaika. Diese Lieder berührten sein Herz, und er begann durch die Musik Rußland zu lieben. Den schwermütigen Stimmungen gab er sich indessen nicht hin, dazu nahm er das Leben zu ernst. Er wußte, daß alles Leben sinnvoll ist: auch sein Leben sollte einen Sinn haben. Er bemühte sich, immer etwas Nützliches oder Erhebendes zu tun, um dem auflösenden Einfluß der häufigen Untätigkeit zu widerstehen. Seiner um fünf Jahre jüngeren Schwester versuchte er in ihren Schwierigkeiten brieflich beizustehen und riet ihr, gute Bücher zu lesen, aber nicht wahllos und ziellos, sondern sie sollte sich etwas Bestimmtes vornehmen und Auszüge daraus machen, damit es ihr zum dauernden Besitz werde. >>Du kannst mit den Griechen und ihren Forschungen anfangen, Du kannst germanische Mythologie studieren oder zu den Indern und ihren Weisheitsbüchern gehen, auch China mit seinem Glauben und seinen Erkenntnissen wäre einen Möglichkeit. Das Nächstliegende ist aber doch die Welt, die unsere Kultur und unser Leben geformt hat.<< Mit feiner Empfindung erklärt er ihr, wie der junge Mensch, wenn er in die Welt hinausgetreten ist, sich wohl dem Elternhause entfremden kann, wie aber trotzdem das Elternhaus, wo er die meiste Liebe empfangen hat, ein unersetzlich teures Gut bleibt. >>Es ist eben da ,was es sonst an keinem Orte gibt.<< Überhaupt, meint er, solle man nicht verzagen, solange man Menschen habe, mit denen man übereinstimme. Alles Äußere der jeweiligen Lage sei nur Kulisse, die Region, in der man sich Mühe gebe zu leben, gehe darüber hinaus.

Wie alle Medizistudierenden dürfte Willi Graf zeitweise sein Studium fortsetzen, und kam so nach München. Dort machte er im Sommer 1942 die Bekanntschaft der Geschwister Scholl und ihrer Freunde: Sie verstanden sich sofort in ihren Gesinnungen, und an dem Plane, der in ihrem Kreise schon bestand, nahm er bereitwillig teil. er hatte oft darüber nachgedacht, wie man den Nationalismus, den er als schlecht und für Deutschland als unwürdigen erkannt hatte, bekämpfen könne; nun öffnet sich ein Weg dazu: Seine Aufgabe bestand darin, die Flugblätter nach Saarbrücken und an andere Orte zu bringen, in die Postkästen zu werfen und womöglich auch Teilnehmer an der Verschwörung zu werben. Indessen, wenn ihm auch die zweckvolle Tätigkeit und die freundschaftliche Gemeinsamkeit wohltat, überkam ihm doch zuweilen das Gefühl des Alleinseins und die quälende Unruhe, woran er von jeher gelitten hatte. Immer wieder diese Unruhe, die er sich nicht erklären konnte. Der Versuch des Schollschen Freundeskreises, denn Nationalsozialismus durch Flugblättern zu erschüttern und die studentische Jugend zum Widerstande aufzurufen, der ihnen selbstverständlich geworden war blieb ihm etwas Neues; er fühlte sich noch nicht ganz sicher darin.

Er verkehrte mit einigen Studenten der Theologe; mit ihnen arbeitete er an einer Liturgie aus und besprach mit ihnen Religiöse fragen. Das lag ihm doch am nächsten. Am 14 Januar 1943 schrieb er in sein Tagebuch im Hinblick auf den geheimen Plan, an dem er Mitarbeiter war: >>Ob das der richtige Weg ist? Manchmal glaube ich es sicher, manchmal zweifle ich daran. Trotzdem nehme ich es auf mich, wenn es auch noch so beschwerlich ist.<<

Am Abend des 18. Februar wurde er zusammen mit seiner Schwester Anneliese verhaftet. In den quälenden Verhören leugnete er eine Beteiligung an der Aktion, konnte es aber bei der Menge der Beweise nicht lange durchführen. Am 19. April wurde er zusammen mit Alexander Schmorell und Professor Huber zum Tode verurteilt, aber erst am 12. Oktober wurde das Urteil vollzogen. Es konnte kaum anders sein, als daß die Hinauszögerung der Hinrichtung in der Familie und in ihm selbst die hoffnung auf Begnadigung erweckte, wenn eine solche sich in ihm regte, so bemühte er sich doch, sie zu unterdrücken und sich auf den Tod vorzubereiten, Immer wieder betete er um ein starkes Herz, um das ihm Verhängte gefaßt zu ertragen. Was ihn zunächst am meisten bedrückte, war das Schicksal der Familie. Seine Eltern wurden zwei Monate lang, seine Schwester vier Monate lang in Haft gehalten. Daß seine verheiratete Schwester gerade damals ein Söhnchen bekam, war ihm zu Trost; es schien ihm, als sei das Kind den Seinigen als Ersatz für ihn gegeben. Seine Gedanken beschäftigen sich viel, wie auch früher, mit den Sinn des Lebens. Wenn alles Geschehen einen Sinn habe, meinte er, sei auch sei Tod nicht zufällig, nicht bedeutungslos, sondern werde Früchte tragen. Schwer muß auf ihm, der sich immer nach der Aussprache mit Freunden sehnte, die lange Einsamkeit gelastet haben; er ertrug sie in der bescheidenen, unpathetischen Art, die ihm eigentümlich war . Sie gewann ihm die Sympathie und Bewunderung der Gefangenenwärter. Ob er sich erinnerte, daß er früher einmal geschrieben hatte, Christ könne der Mensch höchstens im Tode werden? Vielleicht hatte er Augenblicke, wo er sich der Vollendung, die der Tod bringt, entgegenreifen fühlte.

Wir mögen hoffen, daß das Herz, das so voll Unruhe war, schon während der Gefangenschaft die Ruhe gefunden hat.

(zurück zum Anfang dieses Artikels)