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Aus dem weichen, ernsten Knabengesicht,
das das Bild zeigt, blicken die Augen sinnend ins Weite.
Er ist ehrlich gegen sich und streng in den Forderungen,
die er an sich stellt. Er hat geglaubt und gezweifelt
und gegrübelt und wieder geglaubt, und eins steht
ihm fest, daß es schwer ist zu leben. Willi
Graf ist am 2. Januar 1918 in dem Dorfe Kuchenheim bei
Euskirchen, wo sein Vater eine Molkerei verwaltete,
geboren. Vier Jahre später, 1922, übersiedelte
sein Vater nach Saarbrücken, um in eine Aktiengesellschaft
für Weingroßhandel und Saalvermietung einzutreten.
Er war ein rechtlicher Mann und verlangte, wenn es nötig
war mit Strenge, ein ebensolches Verhalten von seinen
Kindern, die Mutter sorgte liebevoll für gelegentlich
den Alltag erhellende Freuden. Die Familie lebte in
guten Verhältnissen, wenn auch gerechnet und gespart
wurde. Die Beobachtung der kirchlichen Bräuche,
das Miterleben des sinnvoll sich entfaltenden Kirchenjahres
war den Kindern katholischer Eltern selbstverständlich.
So blieb das Gewohnte für Willi Graf doch nicht
leer; er dachte darüber nach und versuchte, es
mit dem Verstande sich?s zu eigen zu machen. Er wollte
nicht nur Christ heißen, sondern Christ sein.
Auf dem humanistischen Gymnasium, in das er
mit zehn Jahren eintrat, wurden Religion, Deutsch und
Griechisch seine Lieblingsfächer. Der Mittelpunkt
seines geistigen Lebens war die Religion, mit ihr verknüpfte
er Dichtung, bildende Kunst und Musik: Die griechische
Dichtung zog ihn an, weil in ihr nächst der Bibel
die gewaltigste religiöse Vision ausgedrückt
ist, und ebenso suchte er die Religion in der deutschen
Philosophie und Dichtung. Erst später erstreckte
sich sein Interesse auf Geschichte; Politik, die Beziehungen
und Verwicklungen des öffentlichen Lebens, blieb
ihm gleichgültig. das Technische, das soviel Anziehungskraft
für die Jungen hat, beschäftigte ihn nur nebenbei.
Seinen Beruf wählte er nicht aus den Wissensgebieten,
die ihn auf der Schule am meisten beschäftigt hatten:
er entschloß sich Medizin zu studieren. Allerdings
hängt die Medizin, insofern sie eine heilende Kunst
ist, mit der Religion zusammen. Willis Mutter nahm zuweilen,
wenn sie Arme und Kranke besuchte, damit sie einen Einblick
in die entbehrungsreiche Lage so vieler ihrer Mitmenschen
bekämen. Vielleicht legte sie in ihrem jungen Sohn
den Keim zu dem Wunsche, als Arzt den Leidenden helfe
zu können. Während der Schulzeit waren
die Wanderungen, die er in den Ferien machen durfte,
das, was ihm am meisten beglückte. Die wechselnden
Bilder, die am ihm vorüberzogen, die neuen Eindrücke,
die er aufnahm, beschwichtigten sein ruheloses Herz.
Er litt schon früh unter einer ihm selbst unerklärlichen
inneren Unruhe. War es die Unruhe des Herzens, die nur
in Gott Ruhe findet? Sein verlangen nach einem Freunde,
dem gegenüber er sich aussprechen könnte,
wurde nie ganz befriedigt, wenn es ihm auch an Kammeraden
nicht fehlte. Nachdem Willi Graf im Jahre 1937
in Freiburg das Abitur bestanden und dann den Arbeitsdienst
durchgemacht hatte, begann er das Studium an der Universität
Bonn. Wie es damals üblich war, genoß er
die glückliche Freiheit, das erste Semester an
der reich besetzten Tafel der Wissenschaft zu verschwenden,
zumal die Vorlesungen, die für sein Fach zunächst
im Betracht kamen, seine Zeit nicht ausfüllten.
Er hörte Philosophie und Theologie, las viel, hörte
viel Musik und durchwanderte die Umgebung. Es war eine
sorglose Zeit, noch hatte der nationalsozialistische
Despotismus mit seinem eisernen Netz nicht jede Bewegung
des deutschen Volkskörpers festgenagelt. Bald aber
bekam er den wachsenden Druck zu spüren: als Mitglied
einer katholischen Jugendvereinigung wurde er verhaftet
und nach einigen Wochen infolge einer Amnestie entlassen.
Seiner religiösen Einstellung entsprechend war
er von Anfang an ein entschiedener Gegner des Systems;
lagen doch alle Frevel, die begangen wurden, in der
Gottesfeindschaft beschlossen und folgten aus ihr.
Im Jahre 1939 wurde der Student als Infanterist eingezogen,
als Sanitäter ausgebildet und auf mehreren Kriegsschauplätzen
in seinem Berufe verwendet. Das Erlebnis des Krieges
wirkte auf sein Gemüt wie ein betäubender
Schlag: Auf Blut, Wunden und schweres Sterben mußte
er gefaßt sein, aber brutale Behandlung und planmäßige
Ausrottung schuldloser Menschen, wie sie von der Partei,
Männern des eigenen Volkes, skrupellos, triumphierend
begangen wurden, das war eine die Begriffe verwirrende,
die Sinne empörende Erfahrung, eine gefährliche
Erschütterung der Seele. So waren die Menschen,
und solches ließ Gott zu! Gott selbst hatte das
Fundament gelegt, auf dem die Menschen, die er zu seinem
Ebenbilde schuf, Ordnungen ewiger Gültigkeiten
aufbauten: Familie, Gemeinde, Staat. War es nicht immer
leicht Ordnungen zu fügen, so mußte es doch
gehen, wenn man guten Willens war und den göttlichen
Willen begriff und anerkannte. Nun aber bebten und klafften
diese heiligen Ordnungen. Das christliche Abendland,
das auserwählte Land Gottes, triefte von unschuldigem
Blut. >>Ich wünschte, ich hätte nicht
sehen müssen, was ich alles in dieser Zeit mit
ansehen mußte<< , schrieb er seiner Schwester.
Für das gläubige Kind war es leicht gewesen
ein guter Christ zu sein: er ging zur Messe, er betete
seine Gebete, er ging zur Beichte und war eingegliedert
in die gesegnete Gemeinde. Nun war er mitten in einem
Schwall von Untaten, Qualen und Ängsten, die ihn
fordernd bedrängten. Wie sollte sich ein Christ
hier verhalten? >>Gerade das Christwerden ist
vielleicht das allerschwerste, denn wir sind es nie
und können es höchstens im Tode ein wenig
sein<<, schrieb er. Es ist schwer zu leben, es
ist das allerschwerste als Christ zu leben - das war
die Erkenntnis, die seine jungen Jahre ihm gebracht
hatten, und diese tragische Erkenntnis lag wie ein schwerer
Druck auf ihm. ?Ich behaupte?, schrieb er seiner
Schwester, ?daß dies gar nicht das eigentliche
Christentum ist, was wir all die Jahre zu sehen bekamen
und was zur Nachahmung empfohlen wurde! In Wirklichkeit
ist Christentum ein viel schwereres und ungewisseres
Leben, das voller Anstrengung ist und immer wieder neue
Überwindung kostet, um es zu vollziehen. Der Glaube
ist keine solche einfache Sache, wie es uns erschien,
in ihm geht nicht alles so glatt auf, wie man es wohl
gemeint hat und sich vielleicht auch wünschte,
um möglichst wenig Unruhe zu verspüren.?
An der russischen Front tat es ihm weh, wenn die
Bewohner ihre Dörfer räumen mußten.
War er zu weich, daß es ihm so schwer wurde das
anzusehen? Eine Katze und Blumen blieben zurück,
um die kümmerte er sich. Abends, wenn der Mond
durch die Birkenstämme schien, hörte er zuweilen
von russischen Frauen, die im Lager arbeiteten, ihre
Lieder singen zur Guitarre und Balalaika. Diese Lieder
berührten sein Herz, und er begann durch die Musik
Rußland zu lieben. Den schwermütigen Stimmungen
gab er sich indessen nicht hin, dazu nahm er das Leben
zu ernst. Er wußte, daß alles Leben sinnvoll
ist: auch sein Leben sollte einen Sinn haben. Er bemühte
sich, immer etwas Nützliches oder Erhebendes zu
tun, um dem auflösenden Einfluß der häufigen
Untätigkeit zu widerstehen. Seiner um fünf
Jahre jüngeren Schwester versuchte er in ihren
Schwierigkeiten brieflich beizustehen und riet ihr,
gute Bücher zu lesen, aber nicht wahllos und ziellos,
sondern sie sollte sich etwas Bestimmtes vornehmen und
Auszüge daraus machen, damit es ihr zum dauernden
Besitz werde. >>Du kannst mit den Griechen und
ihren Forschungen anfangen, Du kannst germanische Mythologie
studieren oder zu den Indern und ihren Weisheitsbüchern
gehen, auch China mit seinem Glauben und seinen Erkenntnissen
wäre einen Möglichkeit. Das Nächstliegende
ist aber doch die Welt, die unsere Kultur und unser
Leben geformt hat.<< Mit feiner Empfindung erklärt
er ihr, wie der junge Mensch, wenn er in die Welt hinausgetreten
ist, sich wohl dem Elternhause entfremden kann, wie
aber trotzdem das Elternhaus, wo er die meiste Liebe
empfangen hat, ein unersetzlich teures Gut bleibt. >>Es
ist eben da ,was es sonst an keinem Orte gibt.<<
Überhaupt, meint er, solle man nicht verzagen,
solange man Menschen habe, mit denen man übereinstimme.
Alles Äußere der jeweiligen Lage sei nur
Kulisse, die Region, in der man sich Mühe gebe
zu leben, gehe darüber hinaus.
Wie alle Medizistudierenden dürfte Willi Graf
zeitweise sein Studium fortsetzen, und kam so nach München.
Dort machte er im Sommer 1942 die Bekanntschaft der
Geschwister Scholl und ihrer Freunde: Sie verstanden
sich sofort in ihren Gesinnungen, und an dem Plane,
der in ihrem Kreise schon bestand, nahm er bereitwillig
teil. er hatte oft darüber nachgedacht, wie man
den Nationalismus, den er als schlecht und für
Deutschland als unwürdigen erkannt hatte, bekämpfen
könne; nun öffnet sich ein Weg dazu: Seine
Aufgabe bestand darin, die Flugblätter nach Saarbrücken
und an andere Orte zu bringen, in die Postkästen
zu werfen und womöglich auch Teilnehmer an der
Verschwörung zu werben. Indessen, wenn ihm auch
die zweckvolle Tätigkeit und die freundschaftliche
Gemeinsamkeit wohltat, überkam ihm doch zuweilen
das Gefühl des Alleinseins und die quälende
Unruhe, woran er von jeher gelitten hatte. Immer wieder
diese Unruhe, die er sich nicht erklären konnte.
Der Versuch des Schollschen Freundeskreises, denn Nationalsozialismus
durch Flugblättern zu erschüttern und die
studentische Jugend zum Widerstande aufzurufen, der
ihnen selbstverständlich geworden war blieb ihm
etwas Neues; er fühlte sich noch nicht ganz sicher
darin.
Er verkehrte mit einigen Studenten der Theologe;
mit ihnen arbeitete er an einer Liturgie aus und besprach
mit ihnen Religiöse fragen. Das lag ihm doch am
nächsten. Am 14 Januar 1943 schrieb er in sein
Tagebuch im Hinblick auf den geheimen Plan, an dem er
Mitarbeiter war: >>Ob das der richtige Weg ist?
Manchmal glaube ich es sicher, manchmal zweifle ich
daran. Trotzdem nehme ich es auf mich, wenn es auch
noch so beschwerlich ist.<<
Am Abend des 18. Februar wurde er zusammen mit seiner
Schwester Anneliese verhaftet. In den quälenden
Verhören leugnete er eine Beteiligung an der Aktion,
konnte es aber bei der Menge der Beweise nicht lange
durchführen. Am 19. April wurde er zusammen mit
Alexander Schmorell und Professor Huber
zum Tode verurteilt, aber erst am 12. Oktober wurde
das Urteil vollzogen. Es konnte kaum anders sein, als
daß die Hinauszögerung der Hinrichtung in
der Familie und in ihm selbst die hoffnung auf Begnadigung
erweckte, wenn eine solche sich in ihm regte, so bemühte
er sich doch, sie zu unterdrücken und sich auf
den Tod vorzubereiten, Immer wieder betete er um ein
starkes Herz, um das ihm Verhängte gefaßt
zu ertragen. Was ihn zunächst am meisten bedrückte,
war das Schicksal der Familie. Seine Eltern wurden zwei
Monate lang, seine Schwester vier Monate lang in Haft
gehalten. Daß seine verheiratete Schwester gerade
damals ein Söhnchen bekam, war ihm zu Trost; es
schien ihm, als sei das Kind den Seinigen als Ersatz
für ihn gegeben. Seine Gedanken beschäftigen
sich viel, wie auch früher, mit den Sinn des Lebens.
Wenn alles Geschehen einen Sinn habe, meinte er, sei
auch sei Tod nicht zufällig, nicht bedeutungslos,
sondern werde Früchte tragen. Schwer muß
auf ihm, der sich immer nach der Aussprache mit Freunden
sehnte, die lange Einsamkeit gelastet haben; er ertrug
sie in der bescheidenen, unpathetischen Art, die ihm
eigentümlich war . Sie gewann ihm die Sympathie
und Bewunderung der Gefangenenwärter. Ob er sich
erinnerte, daß er früher einmal geschrieben
hatte, Christ könne der Mensch höchstens im
Tode werden? Vielleicht hatte er Augenblicke, wo er
sich der Vollendung, die der Tod bringt, entgegenreifen
fühlte.
Wir mögen hoffen, daß das Herz, das so
voll Unruhe war, schon während der Gefangenschaft
die Ruhe gefunden hat. |