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Willi Graf, Mitglied der Widerstandsgruppe "Weiße
Rose" |
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rtf-Datei laden. (Kann mit Word geöffnet werden) Willi Graf wird am 2. Januar 1918 in Kuchenheim als Sohn von Gerhard und Anna Graf geboren. Sein Vater ist seit 1910 Leiter der Molkerei.
Seit 1928 besucht er das Staatliche Ludwigsgymnasium in Saarbrücken. Er geht gerne zur Schule, vor allem interessiert er sich für Deutsch, Religion, Erdkunde und Geschichte, später auch für Griechisch und Musik. Schon bald tritt er der katholischen Jugendbewegung "Neu-Deutschland" bei. Wanderfahrten, Geländespiele, gemeinsames Singen und die Erörterung von Glaubensfragen stehen im Mittelpunkt des Bundes. 1933 werden die Jugendlichen mit den politischen Ereignissen konfrontiert. Im Deutschen Reich übernehmen die Nationalsozialisten die Macht und beginnen damit, auf die Gleichschaltung der Jugendverbände hinzuarbeiten. Zwar steht das Saargebiet noch unter Völkerbundsmandat, und die Jugendlichen dort sind noch keinen einengenden Vorschriften ausgesetzt, aber die Jungen spüren, dass sie Stellung nehmen müssen. Wie seine Schwester Anneliese berichtet, ergreift Willi Graf rigoros Partei: "In seinem Adressbuch hatte der damals 15-jährige einige Namen ?der Kerle aus dem Fähnlein' durchgestrichen und daneben vermerkt: ?Ist in der HJ'. Für ihn waren diese Jungen erledigt. (Knoop-Graf 1982, S.347) 1935 erfolgt die Rückgliederung der Saar ins Reich. Ende 1936 wird die Hitlerjugend zur Staatsjugend erklärt, die anderen Jugendverbände verboten. Wer der HJ nicht beitritt, muss mit erheblichen Nachteilen rechnen. Willi Graf weigert sich, obwohl er fürchten muss, nicht zum Abitur zugelassen zu werden. Seine Eltern beschwören ihn, doch wenigstens pro forma mitzumachen, doch es zeigt sich, dass sie keinen maßgebenden Einfluss mehr haben: "Die entscheidende Bedeutung für seine Entfaltung hatte ... sein Freundeskreis." (Knoop-Graf 1982, S.348) Nach dem Verbot und der Auflösung des Bundes "Neudeutschland" schließt sich Willi Graf dem "Grauen Orden" an, einem von Fritz Leist aus ehemaligen Mitgliedern konfessioneller Jugendgruppen gegründeten illegalen Jugendbund. Trotz Verbotes singen die Jungen die Lieder der Wandervogelbewegung, benutzen sie eine bestimmte Form des Zeltes, die Kote, die inzwischen einen antinazistischen Symbolcharakter hat, und führen gemeinsame Fahrten u.a. nach Sardinien und Montenegro/Jugoslawien durch. "Als Teil der ?Liturgischen Bewegung' geht es dem ?Grauen Orden' gleichzeitig darum, neue Formen des gemeinschaftlichen religiösen Erlebens zu finden ." (Verhoeven 1982, S.49) 1938 schlägt die Gestapo zu. Etwa 30 Mitglieder werden verhaftet. Willi Graf sitzt vom 22.1. bis zum 5.2.38 in Untersuchungshaft. In der Anklageschrift gegen achtzehn Angehörige des Bundes stehen Sätze wie: "... nahm an den wöchentlichen Heimabenden regelmäßig teil. ...hat zugegeben, dass ... Fahrtenlieder, u.a. auch solche mit russischem Einschlag gesungen wurden. ... wurden Fahrten veranstaltet, auf denen das Brauchtum der Bündischen Jugend gepflegt wurde." (Vielhaber 1964, S.48-54) Der Prozess vor dem Sondergericht Mannheim wird am 17.5.38 nach eintägiger Dauer eingestellt, weil die Anklagen wegen "Bündischer Umtriebe" unter das Amnestiegesetz fallen, das Hitler nach dem erfolgreichen "Anschluss" Österreichs erlässt. Trotz Überwachung durch die Gestapo lassen die Freunde aber auch nach der Zerschlagung des "Grauen Ordens" den Kontakt nicht abreißen. Schon im Jahr vorher hat Willi Graf das Abitur bestanden und den obligatorischen Reichsarbeitsdienst in Dillingen/Saar abgeleistet. Im Herbst 1937 beginnt er in Bonn mit dem Medizinstudium. Die Wahl des Faches ist eher eine "Verlegenheitslösung" (Vielhaber 1964, S.19), weil dieser Studiengang ihm noch am wenigsten von der Ideologie des Nationalsozialismus verseucht scheint. Seine Interessen liegen jedoch auf anderen Gebieten: Theologie, Philosophie und Literaturgeschichte. 1939 wird er trotz Kriegsbeginns vom Wehrdienst zurückgestellt, um sein Medizinstudium fortzusetzen. Erst zu Beginn des Jahres 1940 wird er ein-gezogen und zum Sanitäter ausgebildet. In den darauffolgenden Monaten ist er in Frankreich, Belgien und Polen stationiert. Im März 1941 nimmt er am Jugoslawien-Feldzug teil. Als die Wehrmacht am 22. Juni 1941 in Russland einfällt, ist auch Willi Grafs Einheit mit dabei. Willi Grafs Haltung zum Krieg ist eindeutig: Er sagt von Anfang an, dass Deutschland den Krieg verlieren müsse und auch werde. Diese Überzeugung wird noch verstärkt, als er sieht, wie die russischen Kriegs-gefangenen und die Zivilbevölkerung behandelt werden. Seine Betroffenheit lässt er in einem Brief spüren: "... ich wünschte, ich hätte das nicht sehen müssen, was sich in meiner Umgebung zugetragen hat und mich aufs tiefste trifft. Doch so etwas darf man sich nicht wünschen, denn schließlich hat alles Erlebte seinen Sinn. Ich kann Dir das alles gar nicht im einzelnen schildern. Der Krieg gerade hier im Osten führt mich an Dinge, die so schrecklich sind, dass ich sie nie für möglich gehalten hätte. Alles ist mir fremd. Und all das muss man allein verarbeiten, denn kaum jemand ist in meiner Nähe, mit dem man darüber reden könnte." (1.2.1942 - Vielhaber 1964, S.26) Versuche, bei den Kameraden mit dieser Einstellung auf Verständnis zu stoßen, scheitern. Lakonisch trägt er in sein Tagebuch ein: "wieder einmal steht ?humanität' im kriege zur debatte, gegenteilige auffassungen." (17.1.1942 - Vielhaber 1964, S.61) Im April 1942 wird Willi Graf zu einer Studentenkompanie in München versetzt. Diese Studentenkompanien bestehen aus angehenden Medizinern, die von der Wehrmacht beurlaubt sind, um ihr Studium fortzusetzen. Obwohl mehrmals in der Woche Appelle durchgeführt werden, und die Studenten verpflichtet sind, in der Kaserne zu wohnen, ist ihr Leben mit dem der anderen Soldaten nicht zu vergleichen. Die Anwesenheits-Kontrollen werden nur locker gehandhabt, und der regelmäßige "Urlaub bis zum Wecken" ermöglicht es, private Buden in der Stadt zu mieten und relativ ungebunden zu leben. Auch Willi Graf versucht, sich dem militärischen Drill soweit wie möglich zu entziehen. Er tritt in den Bachchor ein, meldet sich in einem Fechtkurs an und besucht häufig Konzerte. Neben den medizinischen Pflicht-Veranstaltungen besucht er auch fachfremde Vorlesungen. Mit Fritz Leist und den anderen Freunden aus dem "Grauen Orden", die in München leben, diskutiert er häufig und intensiv über philosophische und theologische Probleme. Wie soll ein Christ sich in dieser schwierigen Zeit verhalten? Reicht es aus, sich dem Nationalsozialismus geistig zu verschließen und auf den Zusammenbruch zu warten, wie es die Ansicht von Fritz Leist und der Freunde ist? Oder muss man einen Schritt weitergehen? Willi Graf ist noch unschlüssig.
In diesen Wochen trifft er im Fechtkurs Christoph Probst, und dieser stellt ihm Hans Scholl vor. Beide sind Soldaten und zum Medizinstudium abkommandiert, Hans Scholl ist in derselben Kompanie wie Willi Graf. Willi Graf spürt schnell, dass sie die gleichen Ansichten haben, vor allem sind sie sich einig in ihrer christlichen Überzeugung und in ihrer Ablehnung des Nationalsozialismus. Insbesondere Hans hat ihn beeindruckt. Am 13.6.42 notiert er in sein Tagebuch: "gespräch mit hans scholl, hoffentlich komme ich öfter mit ihm zusammen." (Vielhaber 1964, S.68) Er lernt bald den gesamten Freundeskreis um Hans Scholl kennen, zu dem u.a. Alexander Schmorell, ein weiteres Mitglied seiner Studentenkompanie, und Sophie, Hans' jüngere Schwester, die im ersten Semester Biologie und Philosophie studiert, gehören. Etwa um die gleiche Zeit tauchen überall in München anonyme hektographierte Flugblätter auf, welche die Überschrift "Flugblätter der Weißen Rose" tragen. Verfasser sind Hans Scholl und Alexander Schmorell, die sich - zum Widerstand entschlossen - im Frühjahr einen Vervielfältigungsapparat besorgt haben. Im Atelier eines befreundeten Architekten, der häufig auf Reisen ist, haben sie die Möglichkeit, ungestört zu arbeiten. Die Flugblätter sind mit der Post verschickt, die Anschriften willkürlich Adressbüchern entnommen. In den folgenden Wochen erscheinen drei weitere Flugblätter, die ebenfalls in einer Auflage von mehreren hundert Exemplaren an Münchener Adressaten versandt werden. Die Sprache und die Art der Argumentation weisen auf zwei Männer hin, die man als die geistigen Mentoren der Studenten bezeichnen kann: Auf Carl Muth, bis zum Verbot 1941 der Herausgeber der katholischen Zeitschrift "Hochland", und auf den katholischen Philosophen und Schriftsteller Theodor Haecker, der seit 1935 einem Rede- und Schreibverbot unterliegt. Beide kritisieren heftig die nachgiebige Haltung der offiziellen Kirche dem Nationalsozialismus gegenüber, und sie sind überzeugt, dass Hitler, der "Antichrist", die Vernichtung des Christentums vorbereitet. (vgl. Verhoeven 1982, S.106f) Erst der fast tägliche Umgang mit diesen Männern, die häufigen Diskussionen mit ihnen, lassen in Hans Scholl und Alexander Schmorell den Plan zum Widerstand reifen. Dementsprechend richten sich die vier Flugblätter (abgedruckt in Scholl 1982, S.96-115) an Christen, es werden eschatologische und apokalyptische Bilder benutzt. Der nationalsozialistische Staat wird als die "Diktatur des Bösen" bezeichnet, Hitlers Mund als der "stinkende Rachen der Hölle". Es wird auf die Verbrechen in den besetzten Gebieten hingewiesen und auf die Auswirkungen des Krieges. Dabei scheuen die Verfasser auch vor Pathos nicht zurück: "Wer hat die Toten gezählt: Hitler oder Goebbels - wohl keiner von beiden." Dem Einzelnen wird die alleinige Verantwortung für sein Tun auferlegt. "Ein jeder ist schuldig", wenn er sich nicht an seine sittliche Pflicht erinnert und gegen den Nationalsozialismus Widerstand leistet. Die Flugblätter rufen auf zur Sabotage, Sabotage in Rüstungs- und kriegswichtigen Betrieben, Sabotage überall dort, wo der "reibungslose Ablauf der Kriegs-Maschine" verhindert werden kann. "Der Sinn und das Ziel des passiven Widerstands ist, den Nationalsozialismus zu Fall zu bringen, und in diesem Kampf ist vor keinem Weg, vor keiner Tat zurückzuschrecken, mögen sie auf Gebieten liegen, auf welchen sie auch wollen." Zitate u.a. von Schiller, Goethe, Aristoteles und Laotse sollen die Aussagen der Flugblätter untermauern und verdeutlichen, dass die Verfasser sich auf die geistige Tradition berufen können. Sophie Scholl erkennt an Stil und Inhalt die Urheber. Sie spricht ihren Bruder daraufhin an und setzt bei ihm durch, dass auch sie mitmachen kann. Christoph Probst und Willi Graf werden eingeweiht und beteiligen sich ebenfalls an der illegalen Arbeit. Auf der Suche nach weiteren Helfern überlegen die Studenten, ob sie Prof. Huber ins Vertrauen ziehen sollen. Prof. Huber wird von ihnen geschätzt, weil er es in seinen Vorlesungen über Philosophie und Psychologie immer wieder wagt, riskante antinazistische Anspielungen zu machen. Obwohl der Professor sich ihnen gegenüber offen als Gegner des Nationalsozialismus zu erkennen gibt und grundsätzlich auch aktiven Widerstand nicht ablehnt, äußert er sich vorsichtig und zurückhaltend, als sie mit ihm über die Flugblätter sprechen. Aus diesem Grund zögern sie und geben sich nicht als Verfasser zu erkennen. Am 23. Juli 1942 wird die Studentenkompanie zur "Frontbewährung" nach Russland abkommandiert. Während Christoph Probst nach Innsbruck versetzt wird, bleiben Willi Graf, Hans Scholl und Alexander Schmorell vor-erst zusammen, sie werden als Sanitäter im Mittelabschnitt der Ostfront eingesetzt. Weil Alexander Schmorell, dessen Mutter Russin war, perfekt die Sprache des Landes beherrscht und die Menschen fühlen lässt, dass er sie nicht als Feinde betrachtet, bekommen sie bald Kontakt zur Bevölkerung. Obwohl "Fraternisierung mit dem Feind" streng geahndet wird, gehen sie zu den Bauern, hören ihre Lieder, schauen ihren Tänzen zu und feiern mit ihnen. Am 24.9. schreibt Willi Graf seiner Schwester Anneliese: "Durch das Zusammensein mit Alex eröffnete sich mir erst so recht dieses Land, das mir vorher fast unbekannt, zumindest unverständlich geblieben war. Er erzählte uns viel von der russischen Literatur. Und zu den Menschen findet man doch einen ganz anderen Zugang, wenn man sich verständigen kann. Wir haben oft bei den Bauern gesessen und gesungen und ließen uns die wundervollen alten Lieder vorspielen. Man vergisst dann manchmal für kurze Zeit all das Traurige und Entsetzliche, das sich hier um uns ereignet. Herrliche Nachmittage und Abende verbrachten wir bei den Russen - während in der Ferne die Geschütze und Gewehre nur selten verstummen und wir die Kranken und Verwundeten versorgen. Zwei Welten um uns ..." (Vielhaber 1964, S.78) Zwei Welten: Auf der einen Seite die emotional geprägten Eindrücke, die tiefe Wirkung, die das Land und die Menschen bei ihnen hinterlassen, auf der anderen Seite die Brutalität des Krieges, die sie täglich erleben müssen. Als sie im November nach München zurückkehren, um ihr Studium fortzuführen, sind sie entschlossen, ihre Widerstandsaktionen wiederaufzunehmen. Allerdings hat sich der Charakter dieser Aktionen verändert. Sie versuchen zunächst, Kontakte zu anderen oppositionellen Kreisen zu knüpfen und weitere Gleichgesinnte zu finden. In möglichst vielen Städten sollen illegale Zellen entstehen, die das gemeinsame Ziel, die Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus, verfolgen. Während die übrigen Mitglieder der Gruppe Verbindung mit der Widerstandbewegung in Berlin aufnehmen und u.a. in München, Hamburg und Stuttgart Bekannte ansprechen, von denen sie wissen, dass sie gegen Hitler eingestellt sind, fährt Willi Graf in den Weihnachtsferien und im Januar ins Saarland und ins Rheinland, um alte Freunde aus dem Bund Neu-Deutschland zu treffen. Insbesondere die zweite Fahrt ist ein gewagtes Unterfangen, weil er ohne Urlaubsschein unterwegs ist und er sich deshalb nur 50 km im Umkreis seines Standortes München aufhalten darf, die Gestapo und die Militärpolizei aber regelmäßig die Züge durchsuchen. Zudem führt er neben zahlreichen Exemplaren eines Flugblattes ein Abzugsgerät mit, das er nach Saarbrücken zu Willi Bollinger bringen will. Mit seinem Klassenkameraden Heinz Bollinger und dessen Bruder Willi ist er schon im Dezember zusammengetroffen. Sie sind sich einig im Willen zum Widerstand, und die Brüder Bollinger sind bereit, die Münchener Studenten zu unterstützen. Ansonsten hat die Reise Willi Grafs keinen Erfolg. Das Risiko scheint den meisten angesichts der als gering eingeschätzten Wirkungen der Flugblätter zu hoch zu sein. Die Enttäuschung darüber lässt Willi Graf im Tagebuch spüren: "am morgen bonn. mit h. zusammen, ein gang am rhein vorbei. es ist hier doch schwieriger." (21.1.43 - Vielhaber 1964, S.93) In München dagegen gewinnen die Studenten Professor Huber zur Mitarbeit. Er redigiert das Flugblatt, das sie Anfang Januar abfassen. (abgedruckt in Scholl 1982, S.116-118) Schon die Überschrift "Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland" zeigt, dass die Gruppe sich jetzt nicht mehr isoliert sieht, sondern als Teil einer ganz Deutschland umfassenden Opposition. Auch der Inhalt hat sich geändert, er ist politischer und weniger philosophisch als in den ersten vier Flugblättern. Deutlich wird auf die kommende Niederlage hingewiesen: "Mit mathematischer Sicherheit führt Hitler das deutsche Volk in den Abgrund. Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern!" Zum erstenmal werden auch Vorstellungen für ein neues Deutschland formuliert: Beseitigung des "preußischen Militarismus", Errichtung eines "föderalistischen Staates" und Schaffung eines "vernünftigen Sozialismus". "Freiheit der Rede, Freiheit des Bekenntnisses, Schutz des einzelnen Bürgers vor der Willkür verbrecherischer Gewaltstaaten, das sind die Grundlagen des neuen Europa." Dieses fünfte Flugblatt hat eine Auflage von mehreren tausend Exemplaren. Ein großer Teil wird wieder an willkürlich ausgesuchte Anschriften verschickt, allerdings werden jetzt, um die Spuren zu verwischen und um der Aktion eine größere Wirkung zu verleihen, die Flugblätter auch in andere Städte versandt. Dabei achten die Studenten darauf, dass die Briefe nie an dem Ort aufgegeben werden, an dem die Empfänger wohnen. Zusätzlich legen sie in München meist nachts zahlreiche Flugblätter in Telefonzellen, Bahnhöfen und Kinos ab. Mitte Januar ändert sich die Stimmung in München. Als am 13.1. der Gauleiter Giesler in einer Rede zum 450jährigen Bestehen der Universität die Studentinnen auffordert, "dem Führer ein Kind zu schenken", anstatt unnützerweise zu studieren, kommt es zu Tumulten und Schlägereien zwischen Studenten und Polizei. Der Gauleiter wird niedergeschrieen. Diese Geschehnisse lassen Willi Graf und seine Freunde glauben, dass ihre illegale Tätigkeit erste Wirkungen zeigt. Am 3.2.43 meldet der Rundfunk, dass der "Kampf um Stalingrad" zu Ende sei. Das Ausmaß der Katastrophe lässt sich von den Nazis nicht mehr verbergen. Daraufhin malen Hans Scholl, Alexander Schmorell und Willi Graf in der Nacht vom 3. auf den 4.2. an mindestens 20 Stellen im Universitäts-viertel mit Schablone und Teerfarbe rot durchgestrichene Hakenkreuze und Parolen wie "Freiheit" und "Nieder mit Hitler". Trotz eines sofort organisierten Streifendienstes der NS-Studentenschaft und verstärkter Kontrollen durch die Gestapo wiederholen sie die Malaktion am 8. und am 15.Februar. Stalingrad wird auch Anlass für ein weiteres Flugblatt (abgedruckt in Scholl 1982, S.119-121), das Prof. Huber aufsetzt: "Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. Dreihundertdreißig-tausend deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt. Führer, wir danken dir!" Das Flugblatt, das sich vor allem an Studenten richtet, geht im weiteren auf die Tumulte bei der Giesler-Rede ein und gipfelt im Aufruf an die deutsche Jugend, die Tyrannei abzuschütteln: "Der deutsche Name bleibt für immer geschändet, wenn nicht die deutsche Jugend endlich aufsteht, rächt und sühnt zugleich, ihre Peiniger zerschmettert und ein neues geistiges Europa aufrichtet. ... Der Tag der Abrechnung ist gekommen, ..." Christoph Probst, der Anfang Februar in München ist, schreibt ebenfalls einen Entwurf für ein neues Flugblatt, und dieses handgeschriebene Manuskript trägt Hans Scholl bei sich, als er am 18. Februar mit seiner Schwester in die Universität geht, um dort einen Stapel Flugblätter in den Gängen und vor den Hörsälen zu verteilen. Hierbei werden die Geschwister vom Pedell Jakob Schmied entdeckt und festgehalten. In den Verhören der Gestapo leugnen Hans und Sophie Scholl zunächst, etwas mit den Flugblättern zu tun zu haben, bis sie dann angesichts der Beweislast ein Geständnis ablegen. Aufgrund des gefundenen Flugblattentwurfs wird Christoph Probst am 19. Februar in Innsbruck verhaftet. Schon am 22. Februar werden Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst vom Volksgerichtshof unter der Leitung von Roland Freisler zum Tode verurteilt und noch am selben Tag hingerichtet. Auf der Suche nach Freunden der Geschwister Scholl stoßen die Fahnder auch auf die Namen von Willi Graf und Alexander Schmorell. Willi Graf, der den ganzen Tag in der Universitätsklinik verbracht hat und von den Geschehnissen in der Universität nichts weiß, wird am Abend des 18. Februar zusammen mit seiner Schwester Anneliese von der Gestapo festgenommen. Alexander Schmorell, dem es zunächst gelingt unterzutauchen, wird denunziert und am 24.Februar gefasst. Die Verhaftungen von Professor Huber sowie weiteren Freunden erfolgen in den nächsten Tagen und Wochen. Auch die Eltern von Willi Graf werden verhaftet und für mehrere Wochen in Sippenhaft genommen. Willi Graf leugnet acht Tage, dann gibt er schließlich bei der Fülle des Beweismaterials seine Mittäterschaft zu. (vgl. Knoop-Graf 1982, S.352) Er weiß, was ihn erwartet. Im ersten Brief nach der Verhaftung schreibt er am 8.3.43 an seine Eltern: "Was die kommenden Tage bringen, liegt in Gottes Hand. Ich habe keine Hoffnung und schließe mit allem ab. Nur um die Kraft bitte ich, das, was noch kommt, ertragen zu können. Für Euch aber bitte ich um alles das, was mir wohl versagt bleibt. Behaltet mich in guter Erinnerung." (Vielhaber 1964, S.96) Am 19. April 1943 findet vor dem Volksgerichtshof der zweite Prozess gegen die "Weiße Rose" statt. Zehn der Angeklagten - Helfer und Mitwisser - erhalten Freiheitsstrafen, einer wird freigesprochen. Willi Graf, Alexander Schmorell und Prof. Kurt Huber werden wegen Hochverrat, Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt. Gnadengesuche der Familien werden abgelehnt, und am 13. Juli werden Alexander Schmorell und Prof. Kurt Huber hingerichtet. Da die Gestapo die Absicht hat, über Willi Graf weitere oppositionelle Kreise in der katholischen Jugendbewegung aufzudecken, bewirkt sie, dass die Vollstreckung der Hinrichtung aufgeschoben wird. Willi Graf wird neuen Verhören unterzogen, aber er gibt keine Namen preis. Er rettet damit vermutlich einigen Freunden das Leben. (vgl. Vielhaber 1964, S.33) Alle 14 Tage darf er seinen Familienangehörigen schreiben, und diese Briefe, die alle erhalten sind (Vielhaber 1964, S.117-123), geben Zeugnis seines Glaubens und seines ungebrochenen Mutes. Dabei teilt er die Hoffnung seiner Eltern und seiner Schwester nicht, angesichts der Aussetzung der Hinrichtung doch noch begnadigt zu werden. Viermal dürfen seine Angehörigen ihn nach dem Prozess noch besuchen. Über diese Besuche berichtet seine Schwester Anneliese: "Ich erinnere mich sehr genau, wie er dabei manchmal über uns hinweg ins Weite blickte - dann wieder schaute er uns beherrscht und teilnahmsvoll an und sagte einmal leise: ?Wenn ihr nur aushaltet, ich schaffe es schon, denn ich weiß ja wozu.'" (Vielhaber 1964, S.34) Seine Familie hat Willi Graf vor seiner Verhaftung über die illegale Tätigkeit im unklaren gelassen, um sie keiner Gefahr auszusetzen. Jetzt bedrückt ihn, dass vor allem der Vater seine Handlung nicht begreifen könnte. "Sage dem Vater, es war kein dummer Jungenstreich", bittet er seine Schwester Mathilde drei Wochen vor seinem Tod (vgl. Vielhaber 1964 S.34), und im Abschiedsbrief an seine Schwester Anneliese schreibt er: "Du weißt, dass ich nicht leichtsinnig gehandelt habe, sondern aus tiefster Sorge und in dem Bewusstsein der ernsten Lage. Du mögest dafür sorgen dass die Andenken in der Familie und bei den Freunden lebendig und bewusst bleibt." (Vielhaber 1964, S.34) Am 12. Oktober 1943 gegen 17 Uhr wird Willi Graf im Gefängnis München-Stadelheim mit dem Fallbeil hingerichtet. Die Familie Graf erhält von seinem Tode keine amtliche Benachrichtigung. Nur ein Brief an ihn kommt durch die Post zurück, auf dessen Umschlag zusätzlich vermerkt ist: V 12.10.1943 Da die Angehörigen fürchten, damit die Nazis zu provozieren, lassen sie kein offizielles Totenamt lesen, auch Trauerkleidung wagen sie nicht zu tragen. Erst später erfahren die Eltern Willi Grafs, dass ihr Sohn auf dem Friedhof Perlacher Forst in München beigesetzt worden ist. Sie lassen ihn im November 1946 nach Saarbrücken auf den Alten Friedhof Sankt Johann überführen.
"Das wird Wellen schlagen", sagte Sophie Scholl kurz vor ihrer Hinrichtung, aber schon am selben Abend erwies sich, dass sie sich geirrt hatte: Bei einer "Treuekundgebung" johlten und trampelten die Studenten dem Pedell Jakob Schmied begeistert Beifall, und dieser nahm ihn stehend und mit ausgestrecktem Arm entgegen. (vgl. Petry 1968, S.121) Es kam zu keinem Aufruhr, der Widerstand der Studenten blieb Episode. Sind sie aber deshalb gescheitert, wie Petry im Untertitel seine Buches schreibt? Um zu einer Antwort zu kommen, muss man nach den Zielen der Gruppe fragen. Ein Bericht Willi Bollingers über sein Zusammentreffen mit Willi Graf im Januar 1943 gibt darüber nähere Hinweise: "Der Ausgangspunkt war, dass es auch im Dritten Reich genügend Menschen gäbe, die sich von dem Tun der Nationalsozialisten distanzierten. ... Durch die Flugblätter, die ja neutral mit der Post versandt wurden, sollte den Leuten, von denen wir glaubten, dass sie zur geistigen Elite gehörten, primär der Mut gestärkt werden, damit sie es wieder wagten, gegen die Übergriffe des Nationalsozialismus Stellung zu nehmen, und zwar im Beruf, im Bekanntenkreis und auch in der Familie. Es sollte ihnen auch das Gefühl gegeben werden, dass sie nicht allein dastanden mit ihrer Meinung, sondern dass es in Deutschland noch genügend Menschen gab, die ihren Charakter und ihre moralische Haltung bewahrt hatten." (Vielhaber 1964, S.98) Langfristig war natürlich der Sturz Hitlers und die Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus das Ziel, aber Willi Graf und seine Freunde wussten, dass sie allein nicht in der Lage waren, das zu erreichen. Sie konnten nur den Boden vorbereiten. Dafür riskierten sie ihr Leben. War es also doch sinnlos? Sie wurden gefasst und hingerichtet, ihre Aktionen hatten auch in dem genannten Sinne keine bedeutenden nachprüfbaren Wirkungen. Ihr Widerstand blieb, wie Hans-Josef Gebel formuliert, ein "historisch begrenztes Faktum". (Gebel 1983, S.122) Aber sein Resümee lautet anders: Die Studenten haben ein "Zeichen persönlicher und moralischer Integrität gesetzt, dessen politische Wirkungslosigkeit eben wegen des Ranges dieser Moral um so schmerzlicher ist. Moralische Entscheidungen können nicht mit Maßstäben gemessen werden, die im materiellen Bereich gültig sind. Während hier nur von Erfolg gesprochen werden kann, wenn ein beabsichtigter Zweck erreicht ist, kann im Bereich der Moral auch eine erfolglose Handlung erfolgreich sein, wenn sie sinnvoll ist. So gesehen darf Willi Grafs Handeln als erfolgreich und sinnvoll gewertet werden. Es war nicht umsonst." (Gebel 1983, S.122) Kürzer sagt es Konstantin Wecker in seinem Lied "Sophie und Hans": "Es ging ums Tun und nicht ums siegen!" Der Artikel wurde, leicht abgewandelt, der Kuchenheimer Festschrift (Cuchenheim 1084-1984 Bd.I) entnommen.
Literatur: Gebel, H.-J. (1983a), Willi Graf. Zum 40. Jahrestag seiner Hinrichtung am 12. Oktober 1943 hrsg. von den Willi-Graf-Schulen/Saarbrücken. Saarbrücken Guardini, R. (1946), Die Waage des Daseins. Rede zum Gedächtnis von Sophie und Hans Scholl, Christoph Probst, Alexander Schmorell, Willi Graf und Prof. Dr. Huber gehalten am 4. November 1945. Tübingen/Stuttgart Hanser, R. (1980), Deutschland zuliebe. Leben und Sterben der Geschwister Scholl. Die Geschichte der Weißen Rose, München Kirchberger, G (1980), Die "Weiße Rose". Studentischer Widerstand gegen Hitler in München, München Knoop-Graf, A. (1973), Die "Weiße Rose" - dreißig Jahre danach, liberal 7, S.484-492 Knoop-Graf, A. (1982), Jugendwiderstand im 3.Reich. Willi Graf und die "Weiße Rose", Unsere Jugend 8, S.337-358 Knoop-Graf, A. (1982a), Willi Graf und die "Weiße Rose", Freiheit und Recht 3/4, S.5-14 Knoop-Graf, A. (1983), Bericht in: H.-D.Arntz, Judaica. Juden in der Voreifel. Euskirchen, S.451-456 Krings, H. (1983), das Zeichen der Weißen Rose. Zur politischen Bedeutung des studentischen Widerstands. Stimmen der Zeit 5, S.305-315 Petry, Ch. (1968), Studenten aufs Schafott. Die Weiße Rose und ihr Scheitern, München Scholl, I. (1982), Die Weiße Rose Frankfurt a.M. 11953, 21979, erw. Neuausg. 1982 Schuh, H. - Seegers, E. (1983). Willi Graf und die Weiße Rose - ein Beispiel des Widerstands. Jahrb. Kreis Euskirchen 1984 S.45-50 Verhoeven, H. - Krebs, M (1982), Die Weiße Rose. Der Widerstand Münchener Studenten gegen Hitler. Informationen zum Film, Frankfurt Vielhaber, K. - Hanisch, H. - Knoop-Graf, A. (1964), Gewalt und Gewissen. Willi Graf und die "Weiße Rose". Eine Dokumentation, Freiburg i.Br. Vinke, H. (1980), Das kurze Leben der Sophie Scholl, Ravensburg Das Copyright liegt bei Herrn Theo Heinrichs, Willi-Graf-Realschule Euskirchen. Bitte nur mit Adresse http://www.willi-graf-realschule.de veröffentlichen!
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