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Frau Dr. Risse stellt ihre Unterrichtsreihe zu Willi Graf in einer Klasse 6 vor.
Der Text läßt sich auch als rtf-Datei (kann mit Word geöffnet werden) laden.

Willi Graf - Aktuell wie lange nicht

Bericht über eine Unterrichtsreihe für die Klasse 6

Wie kann man Schülern der Klasse 6 in wenigen Unterrichtsstunden die Geschehnisse im Dritten Reich verständlich machen, ohne durch Vereinfachung und Verkürzung Dinge zu verzerren? - Diese Frage beschäftigte mich während Planung und Durchführung dieser Unterrichtsreihe. Stand ich doch vor der kniffligen Aufgabe, mit etwa zwölfjährigen Schülern das Thema "Widerstand im Dritten Reich am Beispiel Willi Grafs" behandeln zu wollen und hierbei die Zivilcourage und den außerordentlichen Mut Willi Grafs und seiner Gruppe herauszustellen. Selbstverständlich sollte in den fünf bis sechs Unterrichtsstunden, die ich für dieses Thema veranschlagt hatte, kein differenziertes Bild des Dritten Reiches entstehen; dies kann aufgrund der Komplexität des Themas erst gegen Ende der Sekundarstufe I erfolgen. Ziel dieser Unterrichts-reihe war es, erste Kenntnisse zur Zeit des Nationalsozialismus zu vermitteln, wobei der Akzent klar bei Willi Graf liegen sollte. Es war mir jedoch wichtig, nicht bei biographischen

Informationen stehen zu bleiben, sondern im Rahmen des gegebenen Kontextes auch die Bedeutung erster wichtiger Fachbegriffe wie z.B. "Demokratie" , "Diktatur" oder "Führerstaat" zu klären. Aufgrund des geringen Alters der Schüler war es hierbei nötig, mit Definitionen zu arbeiten, die soweit vereinfacht waren, dass sie für Schüler der 6. Klasse fasslich sind.

Die erste Stunde dieser Reihe bedurfte nur weniger Lehrerimpulse, um das Interesse und das natürliche Mitteilungsbedürfnis, das für Schüler dieses Alters so typisch ist, zu erwecken. Im offenen Unterrichtsgespräch bot ich den Schülern Gelegenheit, ihr zum Teil beachtliches Vorwissen zu äußern, das teils aus dem Politikunterricht, teils aus Informationen durch Großeltern oder älteren Geschwistern stammt. Hierbei galt es halb oder falsch Verstandenes zu korrigieren (Dennis: "Flugblätter werden von Flugzeugen über Städten abgeworfen"; Annika: "Es wurden auch Juden mit Zügen in Lager transportiert; schließlich fiel die Mauer in Berlin"), unangemessen Formuliertes zu verbessern (Pierre: "Und plötzlich kamen die Nazis...") oder einfach nur zuzuhören ("Mein Opa war auch im Krieg..."). Auf der Basis dieser Fülle von Informationen, die die Schüler zusammengetragen hatten und die von mir ergänzt, sortiert und korrigiert wurden, ließen sich im letzten Drittel der Stunde eine Reihe von Fragen formulieren und an der Tafel festhalten, die im Verlauf der Reihe beantwortet werden sollten. Die folgenden von den Schülern formulierten Fragen markieren Schwerpunkte der geplanten Reihe: Zu welcher Zeit lebte Willi Graf? Was hat er mit Euskirchen zu tun? Was war ihm in seinem Leben wichtig? Woher hat er den Mut genommen gegen Hitler Widerstand zu leisten? Können wir aus seinem Leben etwas lernen?

Bereits zu Beginn der zweiten Stunde der Reihe zeigte sich, dass das Interesse der Schüler - besonders an biographischen Details zu Willi Graf - groß war. Die Neugier der Schüler konn-te jedoch nicht direkt gestillt werden, da zunächst die politischen Gegebenheiten der Zeit des Nationalsozialismus erarbeitet werden mussten. Beginnend mit dem Jahr 1933 informierte ich die Schüler in groben Zügen über die wichtigsten Geschehnisse dieser Jahre, die das Gesicht Deutschlands in wenigen Jahren radikal veränderten und die die Jugend Willi Grafs prägten. Bei diesen Lehrerinformationen verließ ich mich auf meine narrativen Fähigkeiten, wobei ich an geeigneten Stellen immer wieder das Gespräch mit der Klasse suchte. Diese Vorgehensweise erwies sich insofern als günstig, als ich den Stoff so in geraffter und strukturierter Form und in einer dem Alter der Schüler entsprechenden Weise präsentieren konnte. Auf Verständnisschwierigkeiten der Schüler konnte ich sofort reagieren. Die mühsame Suche nach darstellenden Texten, die der Rezeptionsfähigkeit von Schülern der 6. Klasse angemessen sind, blieb mir somit erspart. Abschließend wurden die Kerninformationen an der Tafel festgehalten und zur Ergebnissicherung ins Geschichtsheft übertragen.

Die nächsten beiden Stunden dienten dazu, die Fülle der neugewonnenen Informationen zur Zeit des Nationalsozialismus, zu Willi Graf und zur "Weißen Rose" zu sichern und zu vertiefen. In dieser Phase der Unterrichtsreihe ging es mir um eine solide Vermittlung von Fakten, die für einen fundierten Geschichtsunterricht unerlässlich ist. Das überaus mutige Handeln Willi Grafs, sein immenser Einsatz für das Gemeinwohl wurde explizit thematisiert und rief bei den Schülern große Bewunderung hervor. Eine Schülerin gab unumwunden zu: "Ich hätte das nicht so gemacht wie Willi Graf; ich hätte behauptet, ich bin für Hitler, damit ich weiterleben kann."

Im Heft der Schüler wurde eine Zeitleiste angelegt, auf der die Schüler mit zwei verschiedenen Farben die politischen Ereignisse dieser Jahre oben und die Ereignisse im Leben Willi Grafs unten eintrugen (siehe Anhang). Durch diese Art der Visualisierung wurde für die Schüler anschaulich, wie entscheidend das Leben Willi Grafs von den politischen Ereignissen dieser Jahre bestimmt war.

Die letzten Punkte auf der Zeitleiste lieferten den Übergang zum nächsten Schwerpunkt der Reihe: Die Widerstandstätigkeit der "Weißen Rose". Zunächst wurde im Unterrichtsgespräch nochmals in Erinnerung gerufen, dass die "Weiße Rose" eine studentische Widerstandsgruppe war, die mit Hilfe von Flugblättern auf die Verbrechen der Nazis aufmerksam gemacht und zum Widerstand gegen Hitler aufgerufen hatte. Nun erläuterte ich den Schülern, es seien sogar einige dieser Flugblätter von damals erhalten; diese seien aber eher für ältere Schüler geeignet und könnten von daher nicht mit Gewinn hier eingesetzt werden. Das sei aber nicht schlimm, da die Schüler sicher selbst in der Lage seien, eine solches Flugblatt zu erstellen. Um das selbstständige Entwerfen der Flugblätter, das in häuslicher Arbeit erfolgen sollte, vorzubereiten, begann ich mit der Klasse Aussagen mit appellativem Charakter zu sammeln, die auf solch einem Flugblatt der "Weißen Rose" hätten stehen können. Eine Liste mit folgen-den Bemerkungen wurde an der Tafel zusammengestellt: Hitler nimmt uns die Freiheit! - Wendet Euch gegen Hitler; denn er ist ein Verbrecher! - Hitler hat einen Krieg begonnen, den er sicher verlieren wird! ...

Bei der Auswertung der Hausaufgabe in der nachfolgenden Stunde zeigte sich, dass die Schüler zwar mehrheitlich sorgfältig und aufwendig gestaltete Flugblätter entworfen hatten, sich jedoch im wesentlichen auf die Aussagen beschränkt hatten, die an der Tafel zusammengestellt worden waren. Meine Hoffnung, die Schüler hätten den im Unterricht erarbeiteten Aussagen eigene hinzugefügt, hatte sich nicht erfüllt. Es wäre hierfür sicher nötig gewesen, sie dahingehend noch stärker zu motivieren und ihnen deutlich zu machen, dass es sich bei den in der Schule erarbeiteten Aussagen lediglich um Beispiele handle.

Bevor ich mit dem abschließenden und für die Schüler schwierigsten Teil der Reihe begann, in welchem zwei Zitate aus Willi-Graf-Briefen interpretiert werden sollten, las ich den Schülern einen Auszug aus dem Abschiedsbrief Willi Grafs an seine Schwester vor. Ich habe diesen Brief ausgewählt, den Willi Graf am Tage seiner Hinrichtung geschrieben hat und der mit Hilfe des Gefängnisgeistlichen zu seiner Familie gelangt ist, weil ich ihn in mehrerlei Hinsicht für bedeutsam und geeignet halte. Zum einen hat er als letzter Abschiedsbrief schon per se eine besondere Bedeutung; zum anderen kommt hier Grafs christliche Grundhaltung, die Triebkraft und Kraftspender seiner Widerstandstätigkeit war, klar zum Ausdruck. Zum dritten äußert er hier, dass er keinesfalls aus Leichtsinn oder Übermut gehandelt habe, sondern mit Bedacht und aus Verantwortungsgefühl angesichts "der ernsten Lage", in der sich Deutschland durch die Unrechtsherrschaft Hitlers befand.

Der Brief wirkte sehr stark auf die Schüler und löste große Betroffenheit aus. In der anschließenden Phase der Auswertung des Briefes bot sich die Gelegenheit, den "Hunger" der Schüler nach biographischen Details - soweit es mir möglich war - zu stillen.

Bei der Klärung der Bedeutung des Zitates von Willi Graf "Jeder einzelne trägt die Verantwortung" in der Abschlussstunde hieß es innehalten. Die Schüler benötigten Zeit, Ruhe und ein hohes Maß an Konzentration, um mit meiner Hilfe die Bedeutung dieses Satzes zu erfassen. Zunächst scheiterten einige Versuche der Schüler, das selbstständig nachzuvollziehen, was Graf hiermit gemeint hat. In einer Zeit, in der es "out" ist, sich verantwortlich für das Ganze zu zeigen, in der viele Menschen bestrebt sind, ihre Partikularinteressen teilweise rücksichtslos zu verfolgen statt die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, fiel es ihnen schwer, die Botschaft dieses Satzes zu begreifen; zu verstehen, dass Willi Graf der Überzeugung war, dass jeder, der Zeuge von Unrecht wird, die moralische Verpflichtung hat, gegen dieses Unrecht anzugehen. Erst mit Hilfe des folgenden Beispiels gelang es mir, die Gedanken der Schüler in die richtige Richtung zu lenken: Wie verhaltet ihr euch, wenn während der kurzen Pause der stärkste Schüler der Klasse den schwächsten Schüler angreift und die meisten von euch hiervon Zeuge werden? Erst jetzt war es den meisten Schülern möglich, die Bedeutung des Satzes zu erfassen. Ausgehend von diesem Beispiel wurde ihnen klar, dass sie als Zeugen insofern Verantwortung tragen, als sie dieses offenbare Unrecht in irgendeiner Weise unterbinden müssen. So wie Willi Graf und seine Gruppe Widerstand gegen Hitler geleistet hatten, so ist es heute unsere Verpflichtung, gegen Unrecht - beispielsweise Gewalt oder Diskriminierung von Ausländern - anzugehen.

Zum Abschluss der Unterrichtsreihe stellte ich als diese Hausaufgabe: Erkläre, inwiefern Willi Graf für uns heute ein Vorbild sein kann! An der Art und Weise, wie die Schüler diese Frage beantworten würden, sollte sich erweisen, wie viel sie tatsächlich vom Wirken Willi Grafs verstanden hatten und inwieweit sie nach Abschluss der Reihe in der Lage sein würden, zu erkennen, dass sein Handeln für die Gestaltung unseres Alltags durchaus Vorbildfunktion haben kann. Trotz aller Abstriche hinsichtlich Formulierung und Ausführung der Arbeiten zeigte sich, dass die meisten Schüler in der Lage waren, auf die Aufgabenstellung in angemessener Weise zu reagieren. Einige Beispiele hierfür sind exemplarisch unten aufgeführt.

So konnte ich für mich trotz meiner Bedenken, ob die Thematik in der Kürze der Zeit auch gründlich genug erarbeitet worden und ob die Ausnahmepersönlichkeit Willi Grafs genügend gewürdigt sei, insgesamt eine positive Bilanz ziehen. Die Behandlung dieses Themas im Rahmen des Geschichtsunterrichts der 6. Klasse ist eine lohnende Sache, brachte sie den Schülern doch einen Menschen nahe, dessen Handeln von Selbstlosigkeit, Zivilcourage und Verantwortungsgefühl für andere bestimmt war. Der Geschichtsunterricht konnte den Schülern so ein Vorbild liefern in einer Zeit, die an echten Vorbildern - jenseits der Big-Brother-Helden - arm ist.

Dr. Regina Risse


Auszüge aus Schülerarbeiten zur Aufgabenstellung:

Erkläre, inwiefern Willi Graf für uns heute ein Vorbild sein kann!

Julia: Er handelte nach seinem eigenen Gewissen und folgte nicht der Meinung der Mehrheit... Er versuchte die Menschen wachzurütteln, indem er mit seinen Freunden Flugblätter verteilte...
Carsten: ... Willi Graf wurde nur 25 Jahre alt, so jung. Sein Leben war weg, nur um Hitler zu bekämpfen.
Patrick: ... Er hat Flugblätter an Leute verteilt. Jeder, der dann noch immer zusah, wie Juden Unrecht geschah, trägt Mitschuld. ... Um Unrecht zu verhüten, hat er sein Leben aufs Spiel gesetzt.
Thomas: ...Er kämpfte für Recht und Freiheit. Unter Einsatz seines Lebens verteilte er Flugblätter... Er war sehr stark mit dem christlichen Glauben verbunden.
Kevin: ... Es waren nicht viele Menschen so mutig wie Willi Graf und Hans und Sophie Scholl...
Pierre: Wir sollen Willi Graf folgen, indem wir die Neonazis bekämpfen...Wir sollen uns keinen Menschen, der Hitler verehrt, zum Freund machen...
Claudia: Willi Graf ist für uns ein Vorbild, weil er sich nicht Hitler untergeordnet hat, so wie viele andere Menschen es getan haben. Er stand zu seiner Tat, als er schon im Gefängnis war...
Umut: Willi Graf hat gezeigt, dass man für etwas kämpfen muss, wenn man es erreichen will. Er hat auch gezeigt, dass man Freunde nicht verraten darf...

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